Inquisition? Ja, bitte!

„Die digitale Inquisition hat begonnen“, titelte unlängst die Süddeutsche Zeitung zum Thema „Staatstrojaner“, wie die Infiltration und Überwachung von IT-Systemen aller Art durch Behörden medial gelabelt wird.

Ja, wenn es wenigstens eine Inquisition wäre! Aber findet denn durch den „Staatstrojaner“ eine „Untersuchung“ des Einzelfalls statt? Oder wird vielmehr nach Reizworten gesucht und pauschal verdächtigt? Weil in der Komplexität der Debatte gar kein anderes Vorgehen mehr möglich ist und man informationstechnische Algorithmen auch nicht überfordern darf mit Kontextsensualität und Inhaltsanalysen.

Eine Gesellschaft mit diesen technischen Möglichkeiten muss wieder zurück zur echten Inquisition als Moralprinzip, eine Strategie der Wahrheitssuche, die einst das Paradigma der Akkusation ersetzte, das heute wieder vorherrscht – ironischerweise unter der Maßgabe einer Moderne, die für sich moralischen Fortschritt in Anspruch nimmt. Der ist jedoch in allergrößter Gefahr, wenn Anschuldigungen nach dem Gesinnungsprinzip beglaubigt werden und Untersuchungen aus Zeitgründen ausfallen.

(Josef Bordat)