Heimat

Ein altbackener Begriff kann zukunftsweisend sein, wenn er richtig verstanden wird: nicht ab- und ausgrenzend, sondern als Ziel der Integration, nicht (nur) räumlich, sondern (auch) emotional.

Heimat – demnächst soll es das hierzulande auch in der Politik geben: als Ministerium. Dabei geht es vor allem um Fragen der Raumordnung und -planung, insbesondere um die Förderung strukturschwacher Regionen. Aber sicherlich darüber hinaus auch um das Stiften verloren gegangener Identität. Denn ohne diese wird auch der bestens geplante und geordnete Raum nicht mit Leben gefüllt. Und damit geht es doch um eine Gefühlsverstärkung von oben. Das scheint ohnehin in Mode: Das Lebensgefühl fernab steuerbarer Systeme auch noch politisch abhandeln zu können. Einsamkeit, Heimat, demnächst vielleicht auch Glück. Historische Vorbilder gäbe es.

Der Heimatort ist Inbegriff für Geborgenheit, Sicherheit und Gewissheit. Er steht für die Verwurzelung im wohldefinierten lebensweltlichen Kontext, für familiäre und freundschaftliche Beziehungen und für ein bekanntes soziales wie kulturelles Umfeld. Doch Beheimatung findet auch statt, wo Ideen geteilt werden und wo man sich geistig und geistlich wohl fühlt. Der Glaube ist insoweit die geistige und geistliche Heimat des Christen, die der Heimatverbundenheit in topographischer Hinsicht oft quer liegt. Viele Menschen müssen gerade deswegen ihre örtliche Verbundenheit aufgeben, ihren Heimatort verlassen, weil sie im christlichen Glauben eine Beheimatung gefunden haben.

Wie dramatisch ist es dennoch, den Ort der räumlichen Heimat aufgeben zu müssen – freiwillig tut das kaum jemand! Viele Menschen, die ein solches Drama des Verlustes ihrer räumlichen Heimat erlebt haben, kommen zu uns – in unsere Heimat. Es kommt nun darauf an, auch politisch den Heimatbegriff von einem geschlossenen, räumlichen Verständnis zu einer Haltung geistig-geistlicher Offenheit weiterzuentwickeln, die ein Konzept von Heimat als Gefühl ermöglicht, als Ahnung eines Eu-topos, der nicht an einen Topos gebunden ist, der aber auch keine Utopie bleibt. Gesucht ist mithin eine Haltung, die möglichst vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln versucht, eine Heimat zu haben, auch jenseits der räumlichen Heimat. Die Religion ist dabei ein zentraler Aspekt der Beheimatung – auch das muss man wissen, wenn man Heimat politisiert.

Menschen eine Heimat geben, eine neue oder die alte neu – kann das gelingen? Das funktioniert natürlich vor allem im Umgang mit diejenigen Migranten, die bereits in unserem Glauben verwurzelt sind, viel tiefer zum Teil als wir selbst. Das gilt für die Opfer der Christenverfolgung, für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien, aus Ägypten und aus dem Irak. Hier ist die geistige Heimat ja grundsätzlich die gleiche, wir können – mal abgesehen von Sprachbarrieren – unmittelbar in Beziehung treten: Gemeinsam Gottesdienst feiern, zusammen beten. Das schafft Nähe, das schafft Vertrautheit, das schafft Ausgangspunkte für weitere Schritte. Kirchengemeinden sind bereits jetzt Knotenpunkte im Netzwerk der Flüchtlingshilfe. Immer noch ist die Verzahnung der kirchlichen Strukturen mit dem gesellschaftlichen Leben eine enge. Zum Sonntagsgottesdienst kommen auch Kommunalpolitiker und lokale Unternehmer, mit denen Kontakte entstehen, die über die Ebene des praktizierten Glaubens hinausgehen und weitreichende Integration ermöglichen. Integration ist noch nicht Heimat, klar. Doch Integration kann helfen, eine neue Heimat zu finden. Die Beheimatung im geteilten Glauben ist dabei der Schlüssel.

(Josef Bordat)

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