Benedikt wird 91

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. feiert heute seinen 91. Geburtstag. Ein Ständchen.

Ums kurz zu machen: Was ich gegenüber Benedikt empfinde, ist Hochachtung. Seine Lebensleistung als Theologe und Kirchenmann kann kaum überschätzt werden. Seine Begründung einer „geweiteten Vernunft“, die Glauben und Wissen, religiöse und wissenschaftliche Weltdeutung umfasst, seine Kulturkritik („Diktatur des Relativismus“), sein Einsatz für die Würde und das Leben des Menschen, sein mahnender Blick in die Regionen, in denen Christen verfolgt werden. Seine Weisheit, mit Demut gepaart.

19. April 2005 – wir hatten einen neuen Papst: Aus Joseph Kardinal Ratzinger war im Konklave Papst Benedikt XVI. geworden. Und da das neue Kirchenoberhaupt aus Bayern stammt, betraf mich dieses „Wir“ nicht nur als katholischen Christen, sondern auch als deutschen Staatsbürger. Am folgenden Tag konnte ich es einer großen Boulevardzeitung entnehmen: „Wir sind Papst!“.

Nach der großen Freude kam der große Zweifel. So ertappte ich mich in den ersten Monaten ein ums andere Mal dabei, wie ich den in meinen Augen doch etwas kühlen und unnahbaren Intellektuellen mit dem warmherzigen Johannes Paul II. verglich und mich fragte, wie das wohl werden würde, beim Weltjugendtag in Köln, der vier Monate nach seiner Wahl im August 2005 stattfinden sollte. Müssen wir uns mit einer schriftlichen Hausarbeit und einem mit mindestens befriedigend benoteten Leistungsschein in Dogmatik für die Teilnahme am WJT bewerben? Bekommen wir statt pastoraler Botschaften theologische Vorlesungen? Kurz: „Kann“ der große Benedikt überhaupt mit der Jugend? Johannes Paul konnte – und wie! Aber Benedikt? Mit Habermas diskutieren – es gibt keinen Besseren! Aber zu Pfadfindern sprechen?

Ich wurde enttäuscht. Fünf Tage lang hieß es in ganz Köln „Be-ne-de-to“! Weil die katholische Jugend ihn vorbehaltloser aufnahm als andere Kreise innerhalb der Kirche. Was heißt „vorbehaltloser“ – mit offenen Armen! Ich wurde enttäuscht, weil ich mich getäuscht hatte. Selten war ich so froh ob eines Irrtums. Das Auftreten des neuen Papstes beeindruckte mich sehr. Ich verband mich dem in Köln entstandenen Netzwerk „Generation Benedikt“ (heute „Pontifex“). Sicher: Manchmal fiel der Heilige Vater noch in den Hochschullehrerhabitus zurück (etwa bei seiner Regensburger Rede), doch schon bald stand fest: Es hätte die Kirche nicht besser treffen können mit diesem Papst.

Im Austausch mit vielen Menschen merke ich, wie sehr Benedikts achtjähriges Pontifikat von 2005 bis 2013 noch nachwirkt. Besonders der Besuch in der deutschen Heimat und seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 sind nach wie vor bei vielen präsent. Mit den Begriffen „Ökologie des Menschen“ und „Entweltlichung der Kirche“ hat der deutsche Papst inspirierte und inspirierende Zeichen gesetzt – nach außen und nach innen. Unter diesen Begriffen werden wir in Zukunft weiterdenken, wie wir die Kirche in Deutschland gestalten und wie unser Beitrag zur Gesellschaft aussehen kann, wo wir mitwirken können, wo wir aber auch Grenzen setzen und Widerspruch artikulieren müssen. Benedikt sei Dank.

Das Epochale am Pontifikat Benedikts ist für mich jedoch vor allem sein unermüdlicher intellektueller Einsatz, mit dem er die Vernunft des Christentums betont, um den Sinnvorrat des katholischen Glaubens einer Welt verfügbar zu machen, die sich als hoch erhaben über Religion betrachtet. Benedikt hat damit der Kirche im 21. Jahrhundert den Weg gewiesen: Sie muss die selbstbewusste Auseinandersetzung mit den Göttern der Moderne und Nachmoderne suchen, mit Markt und Machbarkeit. Der Hybris einer Selbsterlösung des Menschen setzte Benedikt in vielen Ansprachen die Hoffnung auf Erlösung durch die Gnade Gottes entgegen. Sein Pontifikat war damit wahrhaft petrinisch und marianisch zugleich: Er hat die Kirche Christi in Liebe geführt, indem er Jesus zur Welt und den Menschen brachte.

Und als sei das alles noch nicht genug: Dass Benedikt zurückgetreten ist vom Amt des Pontifex, hat eine kirchenhistorisch ganz besondere Situation geschaffen, einen emeritierten Papst in der Stille und Abgeschiedenheit, ein geradezu mystisches Pontifikat. Theologisch könnte man aus dieser Konstellation mit Benedikt und Franziskus einen Hinweis auf das Miteinander von vita contemplativa und vita activa im Christentum herausdeuten. Das hieße für die Kirche, das hieße für uns Katholiken, dass wir vor Augen geführt bekommen, dass beides eine wichtige Rolle spielt. Benedikt und Franziskus als Sinnbild einer Kirche, die es genauso nötig hat nach innen zu gehen, in die Betrachtung, als auch nach außen, „an die Ränder“, wie Franziskus dies gefordert hat. Beides ist wichtig: die Kontemplation in der Stille, aber auch der Dienst in der Welt. Damit wirkt der „stille Papst“ Benedikt immer noch für die Kirche. Wie sollte es auch anders sein.

Zum 91. Geburtstag wünsche ich Papst em. Benedikt XVI. Gottes reichen Segen!

(Josef Bordat)

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