Zwölf Verrückte, Teil 11: Heinrich von Kleist

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Eigentlich sollte Heinrich von Kleist (1777-1811) eine Offizierslaufbahn einschlagen, doch für den sensiblen und musisch talentierten jungen Mann war die Welt der Literatur ungleich verlockender. Von seiner Schwester Ulrike unterstützt, begibt er sich in das Abenteuer des freischaffenden Dichters und schreibt seine heute gefeierten Dramen Der zerbrochene Krug (1805), Käthchen von Heilbronn (1807), Prinz Friedrich von Homburg (1809-11) und andere sowie seine berühmte Erzählung Michael Kohlhaas (1808), die von größter Fabulierlust und -kunst zeugt.

Kleist erlebt keine einzige Aufführung seiner Stücke. Geplagt von Zweifeln und der mangelnden Fähigkeit, sich anzupassen, führt er ein rastloses Wanderleben, das von Unruhe und Depression geprägt ist und 1811 tragisch endet: Zusammen mit seiner Freundin Henriette Vogel begeht Kleist am Wannsee in Berlin Selbstmord. In einem Abschiedsbrief an die Schwester – neben der Freundin offenbar seine einzige Vertrauensperson – begründet er den Schritt damit, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen“ sei. Kleist wird nur 34 Jahre alt.

Ob dieser Suizid ausschließlich mit seiner seelischen Not zusammenhing, ist ungeklärt, vermutlich trugen Schulden, die vielen beruflichen Enttäuschungen und auch die schmerzliche Erfahrung der napoleonischen Herrschaft über das geliebte Deutschland zu seiner finalen Entscheidung bei. Schließlich schreibt er im Katechismus der Deutschen (1809): „Es ist Gott lieb, wenn Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben. – Was aber ist ihm ein Greuel? – Wenn Sklaven leben.“

Am plausibelsten scheint mir die Erklärung, dass sich die Depression und der Misserfolg seiner Werke gegenseitig verstärkten und am Ende nur der Suizid als Ausweg aus dem circulus vitiosus möglich schien. Seine Gemütskrankheit eilte ihm als Ruf voraus; Kleists großer Zeitgenosse Goethe lehnte den Kollegen deswegen ab. Wer jedoch bei Goethe in Ungnade fiel, hatte in der großen Zeit der Dichter und Denker schlechte Karten: Dessen Stücke wurden nicht aufgeführt, dessen Romane nicht gedruckt. So war es bei Kleist, mit der Folge immer tieferer Selbstzweifel und immer hoffnungsloserer Zukunftsaussichten.

In unserer Zeit lebt Kleist als Dichter und Mensch um so stärker auf. Seine Stücke werden gespielt und er ist selbst Thema von Film und Literatur. Neben Helma Sanders-Brahms Film Heinrich (1977), der mehr um psychologische Studien bemüht ist als um biographisch-historische Korrektheit, sei Christa Wolfs Erzählung Kein Ort. Nirgends (1979) genannt, die mit deutlicher Referenz auf Kleist die Heimatlosigkeit von Schriftstellern thematisiert, die als Außenseiter aus dem gesellschaftspolitischen Kontext ihrer Zeit herausfallen.

Heinrich von Kleist ist ein Faszinosum. Seine Sprache, seine Themen, sein Leben – ein echtes deutsches Drama zwischen Rausch und Nüchternheit.

(Josef Bordat)

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