Zwölf Verrückte, Teil 12: Georg Trakl

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Von Georg Trakl (1887-1914) zu reden, ist schwer. Seine Gestalt bleibt verschattet. Das Grundgefühl seines kurzen, heftigen Lebens erschließt sich in seinen Gedichten, die Schwermut, Umnachtung, Wahnsinn, Verzweiflung, Untergang, Schuld und Tod thematisieren.

Anton Neumayr rückt in seiner im Jahr 2000 erschienenen Analyse „Dichter und ihre Leiden – Rousseau, Schiller, Strindberg und Trakl im Brennpunkt der Medizin“ den Poeten aus Salzburg in die Nähe des schizophren Kranken und begründet dies mit eben jener einseitigen Themenwahl in seiner Lyrik, die eine „düstere Ankündigung einer kulturellen Katastrophe“ beinhalte. Dies gleiche stark „den schizophrenen umstürzlerischen Visionen, wie sie infolge der Übertragungen eines inneren Umbruchs auf äußere Umstände zu verstehen sind“. Trakls Schizophrenie zeige sich im „chaotischen Gemenge von Schreckensvorstellungen und Katastrophen mit einer Vorahnung von etwas völlig Neuem“. Das apokalyptische Szenario, das er in seinen Gedichten zeichnet, habe seine tiefere Ursache „in einem psychischen Aufruhr und weniger in einem politischen Erdbeben“.

In Trakls frühesten Gedichten findet in der Tat ein zersplittertes Ich Eingang in den Aufbau des Textes. Er betrachtet die poetische Landschaft durch mehrere Augen, wobei der bruchstückhafte Blick für die relative Bedeutung der Dinge bisweilen einen Charakter annimmt, der zumindest eine milde Form der Schizophrenie wahrscheinlich macht.

Es mag also durchaus sein, dass Trakl schizophren war, doch lässt sich die schwere Depression, welche die letzten Lebensmonate des Dichters prägte, auch mit den äußeren Umständen des Krieges erklären. Trakl, der Pharmazie studiert hatte, war für die österreichische Armee in Polen als Medikamentenakzessist tätig und musste nach der Schlacht von Grodek im Oktober 1914 Schwerverwundete behandeln. Mit seiner Sensibilität war Trakl schutzlos dem qualvollen Leid seiner Kameraden ausgesetzt. In tiefster Depression beschließt er, sich umzubringen und nimmt eine Überdosis Kokain. In der Nacht vom 3 auf den 4. November 1914 stirbt Trakl in einem Garnisonsspital in Krakau. Das Leid der Welt – er hat es gesehen, er hat es verinnerlicht und er ist an ihm zerbrochen.

Trakl hinterlässt ein hochinteressantes lyrisches Werk. In einem seiner letzten Gedichte mit dem Titel „Klage“ erscheinen komprimiert noch einmal die Grundmotive seiner Dichtung und seines Lebens:

„Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib.
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.“

Das expressionistische Leidenspathos, mit dem Trakl poetisch die zerbrechende Welt um ihn herum beantwortet, lässt in der düsteren Schönheit der Untergangsbilder einen künstlerischen Geist erkennen, der die bloße Realität zu überwinden trachtet. Ob dies „krank“ ist oder angesichts einer kranken Welt vielleicht nur allzu gesund, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen.

(Josef Bordat)

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