629

Nein, ich habe keine Flüchtlinge bei mir zu Hause aufgenommen. Ich habe zwar Kontakt mit aus Ägypten und Syrien geflohenen Menschen (koptische und aramäische Christen, falls jemand jetzt an Beihilfe zur Islamisierung denkt) und habe auch schon mal beim Deutschkurs ausgeholfen, aber ein Aktivist der Helferszene bin ich wirklich nicht. Und: Nein, ich habe auch keine Lösung für das globale Armutsproblem – wenn man mal davon absieht, dass ein Bruchteil der weltweiten Militärausgaben reichen würde, um Programme für die Entwicklung der Landwirtschaft aufzulegen, die die Versorgungslage nachhaltig verbessern würden. Sagen Experten.

Obwohl ich also persönlich nur sehr wenig für Flüchtlinge tue, freue ich mich darüber, wenn andere – der Staat, die Katholische Kirche, persönliche Bekannte – etwas für Flüchtlinge tun und ich zumindest mittelbar meinen kleinen, meist nur finanziellen Beitrag dazu leisten kann. Denn ich finde, Menschen, die sich gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen, sei es, weil dort Krieg herrscht, sei es, weil sie dort in ihrem Glauben verfolgt werden oder sei es, dass sie die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung und Beschäftigung entweder gar nicht gewährleistet oder aber zunehmend gefährdet sehen, verdienen meine Unterstützung.

Noch nie war für Flüchtlinge das Risiko, auf dem Mittelmeer zu ertrinken, so hoch wie jetzt. Allein im Juni starben nach offiziellen Angaben 629 Menschen – während sich Europas Eliten darüber zankten, wie genau man künftig Menschen verwehren will, zu uns zu kommen. Jetzt kann man freilich sagen: „Was kommen sie denn auch übers Mittelmeer zu uns?!“ Das ist zynisch, angesichts der Tatsache, dass viele Menschen offenbar eher bereits sind, das Risiko, auf dem Meer zu sterben, in Kauf zu nehmen, als in ihrem Land zu bleiben. Wenn es mit einem sich „christlich“ nennenden Impetus gefragt wird, ist es schlicht unerträglich.

Unter den 629 Menschen, die im Juni auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer ertranken, waren Ingenieure und Analphabeten, Hilfsarbeiter und Anwälte, Erzieherinnen und notorische Lügner, Familienväter und Faulenzer, Kinder, die von einer Karriere als Astronaut träumen, schöne Menschen, hässliche Menschen, kluge Menschen, dumme Menschen, vielleicht auch ein Grabscher, sehr wahrscheinlich ein Steuerhinterzieher. Eine, die immer wieder dieselben Fragen stellt. Einer, der heimlich Gedichte schreibt, aber sie noch nie jemanden hat lesen lassen. So, wie unter 629 Menschen in Paris, Mailand, Berlin oder Moskau. So, wie unter den 629 Gästen einer Ferienanlage auf Rügen. So, wie unter 629 Menschen.

Es waren Menschen, die 629 Ertrunkenen. Mit einer Würde, die der Staat zu achten und zu schützen hat. Diese Aufgabe hat er sich selbst gestellt. Vor fast 70 Jahren. Ist lange her. Nein, ich habe immer noch keine Lösung für die Migrationsthematik. Ich weiß nur, dass wir ihr mit Ignoranz und Zynismus nicht näher kommen.

(Josef Bordat)

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