Mea culpa

Mir ist in den letzten Tagen klar geworden: Ich habe im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche zu oft nur Augen gehabt für Zahlen und deren Einordnung – und zu selten auch ein Herz für die Opfer. Natürlich stimmen die Zahlen und die Institution Kirche steht nicht schlechter da als andere gesellschaftliche Institutionen wie etwa die Sportverbände, ihre Einrichtungen sind für Kinder nicht gefährlicher als andere Einrichtungen wie Kinderchöre oder säkulare Internate. Aber das – so wird mir immer klarer – kann nicht das letzte Wort in der Sache sein.

Ich bitte diejenigen, die ich mit meinen aus ihrer Sicht kaltherzigen und einseitigen Analysen von Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten verärgert oder verletzt habe, um Verzeihung. Ich werde mich dem Thema künftig weniger soziologisch oder diskursanalytisch als vielmehr so näher, wie es die christlichen Werte, die mir wichtig sind, gebieten. Dazu gehört, zunächst und vor allem, für die Opfer zu beten. Und zu schweigen.

Das auch in der zweiten Auflage des „Sündenregisters“ weitgehend unveränderte Buchkapitel „Missbrauch“ bitte ich insoweit unter diesen Vorzeichen zu lesen: Ich habe schlichtweg nicht sehen, nicht glauben und (was ich persönlich als am schmerzlichsten empfinde) nicht wirklich wissen wollen, wie schlimm die Lage war (dass sie heute besser ist als vor 20 oder 30 Jahren, davon bin ich nach wie vor überzeugt) und wie sehr gerade auch das systemische Element der Vertuschung Opfer weit über die Tat hinaus gekränkt hat und bis heute kränkt.

Das tut mir Leid.

(Josef Bordat)