Zahlen zum Missbrauch

Eigentlich sollten sie erst am 25. September rauskommen, aber dann lagen sie doch bereits heute vor: die Zahlen der DBK-Studie zum Missbrauch.

Danach hat es von 1670 Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen in der Zeit von 1946 bis 2014 sexuelle Übergriffe auf (überwiegend männliche) Kinder und Jugendliche gegeben. 1670 von 38.156 (Grundgesamtheit der untersuchten Personalakten) – das ist ein Täteranteil von 4,4 Prozent. Damit liegt er viermal höher als zu erwarten, da in der Bevölkerung von etwa ein Prozent Männern mit pädophilen Neigungen ausgegangen wird. Viermal höher, das ist signifikant. Und das finde ich schon bedenkenswert.

Ich glaube nicht, dass der Zölibat dazu führt, dass man sich an Kindern vergeht. Aber es gibt Hinweise darauf, dass das Leben als Priester oder Ordensmann in der Vergangenheit attraktiv war für Männer mit einer solchen Neigung, die damit gesellschaftlich unauffällig leben konnten und zugleich in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang hatten zu Kindern und Jugendlichen.

Nicht der priesterliche Zölibat hat damit versagt, sondern die Kirche hat versagt, weil sie diesen Zusammenhang nicht erkannt hat. Und weil sie bei Bekanntwerden von Fällen nicht entschlossen gehandelt hat. Weil sie so den Tätern in gewisser Weise suggeriert hat: „Ihr bekommt die Kinder – Messdiener, Pfadfinder, Kommunionkinder – und könnt euch quasi folgen- und gefahrlos an ihnen vergehen. Folgen- und gefahrlos für euch“. So und nicht anders werden die einfachen Versetzungen bei einigen Intensivtätern angekommen sein. Das ist die große Schuld der Institution Kirche.

3677 Fälle haben sich im Raum der Kirche in 68 Jahren ereignet – 54 Fälle pro Jahr. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 10.000 Missbrauchsfälle pro Jahr. Es gibt sogar in der Literatur die Angabe des Faktors 20 für die Dunkelziffer, das wären 200.000 Fälle pro Jahr. Insofern muss man hier auch die Dimensionen sehen, die das Missbrauchsproblem gesellschaftlich hat. Selbst, wenn die Dunkelziffer innerhalb der Kirche ebenfalls um den Faktor 20 höher liegt, bliebe es bei einem Anteil von 0,5 Prozent.

Ich hatte vor fünf Jahren – vor Beginn der Studie – behauptet: „99,4 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,9 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt“. Das ist offensichtlich falsch. Nach den Erkenntnissen der Studie muss es heißen: „95,6 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,5 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt“. Das ist – vor allem, was den Anteil der Täter unter den Priestern, Diakonen und männliche Ordensangehörigen – ein Unterschied. Ein Unterschied, der zu denken gibt.

Bei all den Zahlen soll nicht vergessen werden, dass es um 3677 schwere Schicksale geht, um 3677 Menschen, denen unsägliches Leid zugefügt wurde. Durch Menschen, die ihnen den Weg zum Heil zeigen sollten. Das sollte schließlich uns alle schmerzen.

(Josef Bordat)