Zutiefst verstörend

Ein zutiefst realistischer (und daher so verstörender) Artikel über die Entscheidung gegen das Kind erschien vor gut drei Jahren in der „Welt“: „Das Kind ist weg, die Gedanken bleiben. Verdammt“ von Paulina Czienskowski. Ich stieß nun bei Recherchen darauf und bin doch sehr überrascht, wie das Thema Abtreibung dort verhandelt wird. Mir scheint, der Text hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Fürchte ich.

Alles kommt darin vor: Die Situation der Mutter, ihr Ringen um eine Entscheidung, der Ablauf der Abtreibung, ihre Zweifel, auch die bleibenden Fragen nach dem Eingriff, zynische Vergleiche („verschütteter Milch trauert man nicht nach“ – ihr [damaliger] Lebensgefährte). Wie das eben so ist. Was nicht vorkommt: das Kind. Zumindest nicht als Rechtssubjekt. Als solches sieht es immerhin unser Grundgesetz.

Im Titel des Textes ist zwar vom Kind die Rede, aber nur in Bezug auf die Mutter: Es, das Kind, ist „weg“ (das scheint nicht weiter schlimm und muss daher nicht thematisiert werden), die Gedanken, die der Mutter, bleiben (hier wird das Thema erst relevant). Auch die Beratung scheint sich – folgt man dem Text – auf die Risiken des Einriffs für die Mutter zu beschränken. Die Risiken für das Kind scheinen keine Bedeutung zu haben.

Der Gedanke, dass dieses Kind, das nun „weg“ ist, ein eigenes, von der angestrebten Karriere der Mutter unabhängiges Lebensrecht hatte, kommt schlicht und einfach nicht vor. Nicht mal die Möglichkeit eines solchen wird erwogen. Nicht von der Frau, nicht von der Autorin, die sich (so scheint es) jeder Wertung enthält.

Vielleicht ja, weil sie sich den ausschlaggebenden Entscheidungsgrund (Karriere geht vor) zu eigen macht? Das wäre eine Spekulation. Doch, dass die seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten geltende Auffassung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, so gar keine Rolle mehr spielt in der Argumentation zum Thema Abtreibung, ist dann doch verstörend. Oder realistisch.

(Josef Bordat)

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