Universalität und Reziprozität

Zur Geltungskraft der Menschenrechte, anlässlich des 70 Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember.

1. Man muss beim Recht unterscheiden zwischen Herkunft, Geltung und Anerkennung. Geltung hängt nicht von einer bestimmten weltanschaulichen oder kulturhistorischen Herkunft ab, diese kann die Einsicht in jene aber befördern – und damit die Norm auch anerkennen lassen. Dennoch: Es gibt (weitgehend) unabhängige Instanzen, die uns die Geltung verraten und uns – wenn wir ehrlich sind – zur Anerkennung zwingen, die Vernunft und das Gewissen.

Das ist nun sehr abstrakt. Konkret erfahre ich: Ein christlich begründetes Recht erkenne und befolge ich als Christ leichter als eine Regel, die mir fremd ist. Das darf aber nicht das letzte Wort sein. Auch als Christ muss ich anerkennen, dass es Entwicklungen vor anderen weltanschaulichen Hintergründen gibt, die wertvoll sind (die Kirche rät dies seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil jedem katholischen Christen ). Als Nicht-Christ wiederum darf ich die Geltung nicht von der Genese abhängig machen. Die Frage ist vielmehr: Kann man Analoges in der eigene religiösen und kulturellen Tradition entdecken und damit die Regel einbinden in die eigene Weltanschauung und Handlungspraxis? Das kann durchaus gelingen.

2. Materialiter, indem man die Inhalte der Regel in die eigene Tradition überführt. In der Bibel steht zum Beispiel nichts darüber, welche Kleidung man tragen soll, ob man besser mit dem Fahrrad zum Briefkasten fährt (statt mit dem Auto), dass man von Frankfurt nach Köln nicht unbedingt den Billigflieger nehmen sollte, wie man mit Lebensmitteln umgeht, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist, die aber noch genießbar sind. Aber es steht etwas von „Schöpfung“ in der Bibel und von der Herrschaft des Menschen. Und darüber, dass der Herrscher „Diener aller“ sein soll. Wenn man also eins und eins zusammenzählt, ergibt sich die Möglichkeit, Forderungen einer säkularen Umweltbewegung in die christliche Tradition einzubetten.

Formaliter, indem man Rechte auf ein unmittelbar einleuchtendes Prinzip zurückführt: die Allgemeinheit ihrer Wirkung (Universalität). Wenn Rechte nur in Ausnahmen gelten sollen, muss das gesagt werden und auch begründet sein (die Straßenverkehrsordnung gilt zum Beispiel nicht für alle, sondern nur für Verkehrsteilnehmer – aus naheliegendem Grund). Die Menschenrechte gelten „allgemein“, also immer. Es gibt keine Situation, in der sie unerheblich sind. Wenn ich zuhause im Sessel sitze, kann mir egal sein, wer an einer unbeschilderten Kreuzung Vorfahrt hat. Aber es kann mit nicht egal sein, ob ich ein Recht habe, zu leben, denn „im Sessel sitzen“ ist eine Ausdrucksform von „leben“. Bei den Menschenrechten kommt ein zweites, ebenso einleuchtendes Prinzip hinzu: die Gegenseitigkeit ihrer Anerkennung (Reziprozität). Ich kann die Geltung der Menschenrechte nicht für mich allein anerkennen, sondern erkenne sie immer auch für alle anderen Menschen an (insoweit in der Norm eine entsprechende Formulierung gewählt wird).

Formulierung der Art „Alle Menschen…“, „Jeder Mensch…“ oder „Niemand…“ in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 heben den Anspruch auf allgemeine, universale Geltung und gegenseitige Anerkennung hervor. Die Betonung in der Formulierung „Alle Menschen…“ liegt dabei auf dem Wort alle. Es soll ein Recht für alle Menschen sein, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort oder ihrem Glauben, ihrer Weltanschauung oder ihrem Geschlecht. Des weiteren impliziert der Menschenrechtsbegriff die starke Position des Individuums, denn schließlich soll das Menschenrecht für alle Menschen gelten und nicht für Kommunitäten oder Kollektive, für die Tiere oder die Umwelt und auch nicht für eine unbestimmte „Menschheit“. Es ist der einzelne Mensch Adressat der Menschenrechte.

3. Also, zwei Gedanken: 1. Wenn ich eines der Menschenrechte in seiner Geltung für alle ablehne, kann ich es, als Mensch, auch nicht mehr in Anspruch nehmen. 2. Gegenseitige Anerkennung macht die Geltung der Menschenrechte allgemein. Universalität und Reziprozität hängen also ganz eng zusammen. Dabei ist die Reziprozität selbst ein universales Prinzip, nicht nur in der Wunschvorstellung einer abgehobenen Ethik, sondern in allen Kulturen und Religionen, erkennbar an der Goldenen Regel, die eingedenk ihrer weltweiten Verbreitung als „sittliche Grundformel der Menschheit“ (Hans Reiner) betrachtet werden kann. Damit ist sie mit ihrer Ermahnung zu gegenseitiger Rücksicht noch nicht Teil der Alltagsmoral (das wäre zu schön), aber immerhin ist sie als Norm global bekannt und anerkannt. „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu!“, lernt jeder Kind. Und sieht es auch ein (selbst, wenn es ihm nicht immer gelingt, auch danach zu handeln). Daraus lässt sich ein Verständnis für die Notwendigkeit der gegenseitigen Anerkennung von elementaren Rechten ableiten. Wer möchte schon gerne getötet, gefoltert oder grundlos eingesperrt werden? Wer möchte gerne zu einem religiösen Glauben, einem bestimmten Beruf oder einer politischen Meinung gezwungen werden?

Diese Reziprozitätserwägung reicht aber immer noch nicht, die Universalität zu erweisen. Schließlich könnte es ja Unterschiede zwischen den Menschen geben, die zu beachten sind, ganz im Sinne der berühmten Fabel Lafontaines, in der ein Fuchs einen Storch zur Suppe einlädt, der Storch mit seinem langen Schnabel „kein Bißchen in den Magen bekam“ und der Storch dem Fuchs Fleischstücke „in Krügen eingepreßt“ serviert, in „langhalsigen und engen“. Dieses Problem der „Präferenzdifferenzen“ sprengt die unmittelbare Übertragung der eigenen Vorstellung auf Andere, beschädigt aber nicht den Wert der Reziprozität, wenn diese ernst gemeint ist und danach schaut, wie der mit all seinen Eigenschaften behandelt werden möchte. Richard M. Hare schlägt dazu eine modifiziert-partikuläre Lesart der Goldenen Regel für solche Fälle von Ungleichheit vor. Es komme, so Hare, darauf an, sich in den Anderen hineinzuversetzen und sich vorzustellen, wie es wäre, bestimmte Eigenschaften des Anderen zu haben oder eigene Eigenschaften nicht zu haben und wie dann zu handeln wäre. Der Fuchs müsste sich im Rahmen eines solchen Einfühlungsaktes also vorstellen, wie er die Suppe gerne vorgesetzt bekäme, wenn er – wie der Storch – einen langen Schnabel hätte, der Storch, wie er – als schnabelloser Fuchs – gerne seinen Braten serviert bekäme. Somit ist eine Gleichförmigkeit der menschlichen Natur nicht Voraussetzung. Das Faktum des Kulturpluralismus hemmt also nicht die Anwendbarkeit der Goldenen Regel, wenn man bereit ist, diesen Einfühlungsakt zu vollziehen.

4. In der Praxis der Menschenrechtsentwicklung werden vor allem zwei Einwände gegen den Universalitätsanspruch erhoben: 1. Das typisch westliche Rechtsverständnis, das auf die Autonomie und die individuelle Freiheit fokussiert, sei auf gemeinschaftlich organisierte Stammeskulturen nicht anwendbar. 2. Der Freiheits- und Autonomieduktus der Menschenrechte in ihrer vom Westen proklamierten Form hemme den Entwicklungsprozess. Wirtschaftliche Entwicklung habe Vorrang vor einer strikten Einhaltung der Menschenrechte. Was ist dazu zu sagen?

Zum einen: Der Vorwurf des „ethischen Chauvinismus“ greift zu kurz, weil die Tatsache, dass sich der Gedanke der Menschenrechte einer spezifischen religiösen und philosophischen Tradition verdankt – was der Fall ist –, keinen Einwand gegen die Universalität darstellt, denn hier würde Geltung an Genesis gebunden, was oben ja bereits als unzulässig verworfen wurde. Wir müssen und wir können voneinander lernen. Ohne die arabischen Zahlen hätte es im Europa des Mittelalters keinen rasanten Aufschwung im Bereich der Naturwissenschaften gegeben, ohne Menschenrechte abendländischer Provenienz wird es in der arabischen Welt keinen Fortschritt in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geben. So wie der Okzident sich die Errungenschaften des Orient zunutze machte, so sollte der Orient nun die Notwendigkeit einer Integration okzidentaler Weltanschauung in seine Gesellschaft einsehen. Es geht nicht um eine Monokultur, um Uniformierung im Sinne eines einheitlichen westlichen Lebensstils. es geht um Fortschritt durch Menschenrechte, um die behutsame Einbettung eines okzidentalen Menschenrechtsduktus in bestehende religiöse und kulturelle Traditionen.

Ferner müssen – auch das hatte ich oben schon angesprochen – die Menschenrechte individuell gelten, schließlich handelt es sich um Menschenrechte und nicht um Rechte bestimmter Kommunitäten wie Familien oder andere Menschengruppen. Es geht ja im Zweifel gerade darum, die Fremdbestimmung Dritter – auch innerhalb von Gruppen – zu limitieren. Freiheit und autonome Individualität des Familienmitglieds verschafft dann auch innerhalb der Familie eine Gültigkeit von elementaren Menschenrechten, u.U. sogar als Abwehrrechte gegen andere Familienmitglieder.

Zum anderen: Die Wirtschaft ist kein Selbstzweck – sie dient dem Menschen. Wer also wirtschaftlich tätig wird, muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wirtschaftliche Entwicklung darf nicht auf dem Rücken der Menschen stattfinden. Keine Generation darf zugunsten kommender Generationen „geopfert“ werden, auch nicht, wenn damit „Fortschritt“ einhergeht. Allerdings müssen die sozialen Probleme der Entwicklungs- und Schwellenländer ins Zentrum des Menschenrechtsdiskurses rücken, denn liberale und soziale Rechte gehören untrennbar zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass man Freiheit gegen Gleichheit ausspielen darf bzw. umgekehrt. Bei Konflikten hat immer der konkrete Mensch mit seinen Bedürfnissen Vorrang – und daher wiegt die Gewährleistung elementare Rechte wie das Lebensrecht am schwersten.

(Josef Bordat)

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