Kleiner Faktencheck Klimawandel

Im Anschluss an diesen Text gab es einige Diskussionen in meinem Bekanntenkreis (online/offline) über den anthropogenen Klimawandel. Ist der Mensch wirklich Schuld? Woher wissen wir denn, ob das mit dem CO2-Ausstoß tatsächlich der entscheidende Faktor ist? Was bringt Klimaschutz? Einige typische Einwände und Thesen – und meine Antwort darauf.

„Die Ursachen des Klimawandels sind nicht geklärt!“

Es gibt unterschiedliche Theorien, die eine Klärung der Ursachen des Klimawandels vornehmen. Einige dieser Theorien werden von großen Forschungseinrichtungen vertreten, andere von kleinen Forschungseinrichtungen, wiederum andere von Privatpersonen. Dieser Umstand allein sagt noch nichts über die Qualität der jeweiligen Theorie aus. Es kann sein, dass sich die großen Forschungseinrichtungen allesamt irren und eine besonders begabte Privatperson (vielleicht sogar im Zusammenschluss mit Anderen) die Ursachen des Klimawandels viel treffender beschreibt. Das kann sein, es muss aber nicht sein. Es kann auch sein, dass die großen Forschungseinrichtungen näher an der Wahrheit liegen. Zumindest ist das nicht a priori auszuschließen.

Trotz dieser prinzipiellen Unsicherheit ist es so, dass diejenigen, die politische Entscheidungen zum Klimaschutz vorbereiten, etwa im Rahmen des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC), sich bislang eher den Theorien großer Forschungseinrichtungen angeschlossen haben und bei der Erarbeitung ihrer Modelle auf diese zurückgreifen. Das hat etwas damit zu tun, dass Antworten auf naturwissenschaftliche Fragen bei Naturwissenschaftlern vor allem dann ein Gewicht haben, wenn sie von Naturwissenschaftlern gegeben werden, vor allem dann, wenn diese in der Vergangenheit bereits sehr oft richtig lagen (wiederum im Urteil der Fachkollegen). Das mag unfair klingen, ist aber grundsätzlich nachvollziehbar. Das kann zur mafiösen Expertokratie werden, ist aber zunächst mal ein völlig üblicher Vorgang, der in allen Lebensbereichen aufweisbar ist. Fußballtrainer z. B. lassen sich in taktischen Dingen am häufigsten von anderen Fußballtrainern etwas sagen, weniger von Zahnärzten, Versicherungskaufleuten und Metzgern.

Allen Theorien gemein ist, dass sie dem Klimawandel keine singuläre Ursache zuschreiben. Der Klimawandel hat viele Ursachen, auch der Mensch hat einen Einfluss. In (fast) allen Theorien schlägt sich das nieder. Dass der Mensch für das Klima völlig unerheblich ist, glauben nur sehr, sehr wenige Menschen. Zu Recht: In „A probabilistic analysis of human influence on recent record global mean temperature changes“ (2014) kommen Philip Kokic, Steven Crimp und Mark Howden zu dem Schluss, die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich der in den letzten 60 Jahren gemessene Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auch ohne den Menschen und seine Art zu produzieren und zu konsumieren ergeben hätte, betrage 0,001 Prozent oder 1 zu 100.000.

Die Theorien unterscheiden sich jedoch vor allem darin, wie groß sie den Anteil des menschlichen Verhaltens an den teilweise schon erkennbaren Veränderungen des Klimas einschätzen, etwa an jener Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur. Das IPCC kam 2007 zu dem Schluss, dass die Erwärmung der Erdatmosphäre seit Beginn der Industrialisierung vor etwa 200 Jahren hauptsächlich durch die Anreicherung von Treibhausgasen durch den Menschen hervorgerufen wird (momentan geht das IPCC für die gegenwärtigen Klimaveränderungen von einem anthropogenen Anteil von mehr als 50 Prozent aus). Wie gesagt: Das muss nicht stimmen. Andere Erklärungen gelten dem IPCC jedoch nicht als noch überzeugender. Daher werden für die Prognosen künftiger Klimaentwicklungen Modelle auf Basis dieses Kriteriums (also: CO2-Ausstoß) errechnet.

„Solange kein Beweis erbracht ist, hat es keinen Sinn, etwas zu tun!“

Aussagen über zukünftige Entwicklungen sind immer empirisch unbewiesen, weil sie noch nicht beobachtet werden konnten. Insoweit sind sie – im Rahmen der naturwissenschaftlichen Methodik – unbeweisbar. Die Qualität von Modellen hängt nun davon ab, wie plausibel sie Entwicklungen im Blick auf die Erklärung der Befunde aus Gegenwart und Vergangenheit extrapolieren. So ist zum Beispiel die Aussage „Morgen früh geht die Sonne auf.“ empirisch unbewiesen, aber (mit Blick auf die historische Erfahrung) plausibel. Insofern ist es sinnvoll, sich auf das Szenario einer Morgen früh aufgehenden Sonne einzustellen (zum Beispiel darauf, dass es hell wird), obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass „Morgen früh geht die Sonne auf.“ wahr ist. Ähnlich ist es mit Modellen zu den Folgen des Klimawandels: Auch hier geht es um die Zukunft, auch hier braucht es zum Handeln keinen „Beweis“, sondern allein Plausibilität. Die ergibt sich aus dem wissenschaftlichen Diskurs und dessen öffentlicher Rezeption.

„Mehrheiten spielen in der Wissenschaft keine Rolle!“

Das eine ist das Beurteilen eines naturwissenschaftlichen Sachverhalts. Da spielt „Mehrheit“ keine Rolle, richtig. Das Andere – und nur darum geht es hier – ist die Beurteilung verschiedener wissenschaftlicher Beurteilungen. Eine solche nimmt man vor, wenn man für eine eigene wissenschaftliche Beurteilung nicht die Zeit oder die Mittel hat. Dann spielt es schon eine Rolle, ob eine These oder Theorie von 97 Prozent, von 3,6 Prozent oder von 0,02 Prozent der Forscher vertreten wird.

„Ein Gegenbeispiel reicht!“

Auch hier: Zur Entkräftung einer naturwissenschaftlichen These oder Theorie, zum methodisch sauberen Nachweis, dass diese falsch ist, ja – nicht aber bei der Beurteilung ihrer Plausibilität außerhalb der Methodik. Ein einziger Kugelschreiber auf Erden, der nicht zu Boden fällt, widerlegt die Gravitationstheorie, nicht jedoch ein einziger Menschen auf Erden, der behauptet, es gäbe keine Gravitation.

„Die Wissenschaft hat schon so oft geirrt!“

Zu unterscheiden ist hier das soziale System Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode. Das sind zwei verschiedene Dinge. Letztere deckt Fehler im ersten auf – und zeigt so ihre Güte. Für bestimmte Fragen, denn ihre Reichweite ist nicht unbegrenzt. Es gibt tatsächlich Dinge im Leben, wo man besser einen Nicht-Naturwissenschaftler fragt.

„Hier ist der Beweis: LINK!“

Jedes Beweisangebot ist sorgfältig zu prüfen – gerade dann, wenn es die eigene Meinung stützt. Oft erscheinen mir die angebotenen Seiten unseriös. Das ist zunächst der äußeren Gestaltung geschuldet. Die Zahl der Bilder, der Ausrufezeichen und der Textpassagen in Fettdruck wirken auf mich gerade nicht besonders überzeugend. Daran ändern auch Hinweise auf Seiten nichts, die Angela Merkel an irgendwas die Schuld geben und gleichzeitig an die in Deutschland angeblich nicht mehr vorhandene Meinungsfreiheit erinnern. Ferner stärkt Banner-Werbung für den Kopp-Verlag nicht zwangsläufig mein Vertrauen in die angebotenen Informationen. Wenn schließlich die Widerlegung von Resultaten aus Fachartikeln in Youtube-Videos angekündigt wird, bin ich ebenfalls skeptisch – und eben nicht nur in Bezug auf die Resultate aus den Artikeln in Fachzeitschriften. Dass das alles weiche Kriterien sind, ist mir klar, nur bin ich eben kein Klimaforscher und insoweit nicht in der Lage, die Informationen an sich zu prüfen, sondern allein die Art, wie sie angeboten und rezipiert werden. Und da bewirkt „Beweis!!!“ eher das Gegenteil dessen, was damit bewirkt werden soll.

„Das ist alles hochumstritten!“

Ja, ist es. Und wird es auch bleiben. Es gibt keine synthetische Aussage, der man unbedingt zustimmen muss, um die Gesetze der Logik einzuhalten. Das unterscheidet synthetische Aussage ja gerade von analytischen Aussagen. Von daher wird es über alles, was über reine Logik hinausgeht, immer Streit geben, über die genaue Gestalt der Erde, über die Existenz von Elfen und über den Klimawandel. Deswegen ist es absolut zulässig, anderer Meinung zu sein als 97 Prozent der Menschen, die sich beruflich mit dem Klimawandel beschäftigen. Ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage.

(Josef Bordat)

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