Ein zweiter Blick

Nachdem der erste Schock über den Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland einigermaßen verdaut ist, überkommt mich bei den Recherchen zu den Hintergründen erneut großer Schrecken: Vorausgesetzt es stimmt, was man in den zugänglichen Agenturen und den deutschsprachigen Medien über die ideologischen Grundlagen der Terrortat zur Stunde in Erfahrung bringen kann, dann sind diese kaum zu unterscheiden von dem, was praktisch täglich in sozialen Netzwerken und einschlägigen Foren zu lesen ist.

Das bizarre „Manifest“, das angeblich vom mutmaßlichen Täter vor der Tat in einer Art Selbstinterview aufgesetzt wurde, trägt den Titel „The Great Replacement“ („Der große Bevölkerungsaustausch“). Wer „Der große Bevölkerungsaustausch“ (ohne Anführungszeichen) bei Google eingibt, erfährt, dass es sich um ein rechtsextremes Narrativ handelt, das längst zum üblichen Sprachgebrauch all derer gehört, die gegen alles Fremde agitieren.

Der mutmaßliche Täter bezeichnet die in den Gotteshäusern betenden Menschen als „Invasoren“. Ein hierzulande unter Rechten nicht unübliches Synonym für Migranten, insbesondere für diejenigen, die aus Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit stammen. Auf rechtsextremen Plattformen findet es Verwendung und in manchem rechtsextremen Blog gibt es „Invasoren“ schon als „tag“. Wer „Invasoren Orban“ via Google sucht, erhält einen Artikel der Zeitung „Die Welt“ angezeigt, Titel: Orbán sieht Flüchtlinge als „muslimische Invasoren“.

Als Folge der „Invasion“ artikuliert der mutmaßliche Attentäter die Furcht vor einem „Genozid am weißen Mann“. Auch diese Befürchtung wird von Rechtsextremen im deutschen Sprachraum gehegt. Das Blog „Wahrheit Inside“ legt dar, wie der „Völkermord an den Weißen“ von langer Hand geplant und organisiert wurde; dabei scheut sich der Verfasser auch nicht, die historischen Zusammenhänge neu zu arrangieren und entkontextualisierte Zitate von Lemkin und Horowitz zur Untermauerung seines Hirngespinstes einer genozidalen „Neuen Weltordnung“ zu missbrauchen. Freilich eine krude Verschwörungstheorie. Aber lachen kann ich darüber seit ein paar Stunden nicht mehr.

Der mutmaßliche Attentäter fand offenbar Breivik gut, und Trump („Symbol der weißen Identität“), sah gerne „Fox News“, hielt sich zwar nicht für einen Nazi, aber doch für einen Rassisten und Faschisten, dem man den Friedensnobelpreis schulde, denn den habe Nelson Mandela schließlich auch erhalten. Man kommt nicht ganz umhin zu meinen, hier arbeite ein sehr vorausschauender Mann schon mal der Schuldunfähigkeitsthese seines Anwalts zu. Doch: Einfach nur „irre“ – das ist wohl zu wenig. Dagegen spricht, dass ganze Textbausteine des „Manifests“ so oder ähnlich in fast jeder Facebook-Kommentarschlacht aufweisbar sind, dagegen spricht, dass man (fast) jeden Stammtisch auch nach „Bevölkerungsaustausch“-Vermutung und „Invasoren“-Geschwätz unbeschadet verlassen kann.

Was mich so sehr erschüttert: Es scheint, der Anschlag hätte auch in Neustrelitz, Neuruppin oder Neubrandenburg passieren können. Das „Manifest“ wäre dann halt auf deutsch gewesen.

(Josef Bordat)

Werbeanzeigen