Karwoche. Hoffnung auf Freiheit

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten hoffen dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt ungenutzt, weil unverstanden. So wird aus dem „Hosianna!“ ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“, weil man sich einfach „mehr“ versprochen hat, verkennend, dass in der Passion „alles“ an Befreiung angelegt ist, was der Mensch braucht.

Mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur hier die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt.

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit.

Ein gutes Beispiel für die Kraft des Christentums aus der Befreiung im Inneren ist denn auch die historische Überwindung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems. Zwischen 1500 und 1800 wurden fast 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika und Europa verschleppt. Auch von Christen. Zugleich unter dem Protest von Christen, von prominenten Christen wie Papst Urban VIII. und einfachen Missionaren wie Petrus Claver.

Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“. Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“, die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

Humanismus und Aufklärung hingegen entwickelten zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen. Selbst im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Stolberg-Rillinger).

Freiheit ist nicht selbstverständlich – die äußere nicht und die innere erst recht nicht. In diesem Jahr, in dem wir 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Mauerfall feiern, wird uns das bewusst. Unser ganzes Leben ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. In der Karwoche wird das ganz besonders deutlich. Wenn die Falschen verhaftet und die Falschen freigelassen werden, wenn das Zwangssystem zu triumphieren scheint, wenn jedes Fünkchen Hoffnung auf das kleinste Stückchen Freiheit nur noch absurd wirkt, dann gibt uns das leere Grab den entscheidenden Hinweis: Gott befreit uns zum Leben.

(Josef Bordat)

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