Pfingsten in Berlin

Der heilige Geist weht ja bekanntlich, wo er will. Und damit ist Pfingsten ein äußert ereignisreiches Fest mit höchst disparaten Angeboten. Während Weihnachten der Familie gehört und Ostern dem Mysterium der Auferstehung, über die selbst der „Spiegel“ jedes Jahr aufs Neue schreibt, ist Pfingsten das Fest der Offenen Türen, der Grillparties und des Straßenkarneval. Zumindest in Berlin, dem Dorf, in dem ich lebe. Hier scheint man sich darauf geeinigt zu haben, die freien Tagen, mit denen man theologisch nur noch sehr wenig anfangen kann, zur Selbstvermarktung zu nutzen. Motto: Wenn schon frei, dann zumindest ohne Ruhe.

Galerien laden zur Erdbeerbowle und der „Karneval der Kulturen“ rollt durch Kreuzberg. Die Kirchen, die sonst immer ihre Türen zur „Langen Nacht“ (18 bis 21 Uhr) geöffnet hatten, in diesem Jahr aber auf den „Tag der Nachbarschaft“ auswichen (war irgendwann Ende Mai), versuchen aus dem Strom der Menschen doch noch Neuevangelisierungshonig zu saugen und präsentieren „Kunst in der Kirche“. Der heilige Geist weht, wo er will. Aber das sagte ich ja bereits. Wer zu allem Übel neben Straßenfesten und Gratiskonzerten noch private Termine hat, weil alle, die zwischen Mitte Mai und Mitte Juni Geburtstag haben, die „freien Tage“ nutzen, um nach-, rein- oder vorzufeiern, braucht eiserne Disziplin. Pro Veranstaltung ein Getränk. Höchstens.

So jagt man von einem Geburtstag zum anderen, von einem Umzug zur nächsten „offenen Tür“. Eines freien Tages Reise in die „Lange Nacht“. Getrieben vom Geist der Unrast und Sinnsuche. „Noch’n Bier?“ – „Nein, danke! Muss weiter!“ Pfingstgrillen im Ruderclub. Am Ende des dreieinhalbtägigen Feiermarathons ist man froh, dass es in den Alltag geht. Und stolz, mit 17 Veranstaltungsbesuchen einen neuen Pfingstrekord aufgestellt zu haben. Ach, so – die Firmung in der Gemeinde? Naja – nächstes Jahr dann wieder! Der Mensch braucht Ziele.

(Josef Bordat)

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