1953-2019

Der Aufstand am 17. Juni 1953 – das war zunächst und in erster Linie ein Protest gegen die Erhöhung der Planzahlen, Motto: Mehr Arbeit für gleichen Lohn. Dass diese Normenerhöhung bei den Arbeiterinnen und Arbeitern nicht gut ankam, ist wohl selbsterklärend. Dass sich der Protest allerdings zum Aufstand mit politischen Forderungen nach Freiheit und Einheit ausweitete, liegt daran, dass die als ungerecht empfundene Maßnahme vor einem als extrem ungerecht empfundenen Hintergrund ergriffen wurde.

Die Sowjets hatten mit ihren Reparationsforderungen die junge DDR an den Rand des Ruins gebracht. Zudem verschlang das Militär eine Menge Geld. Jede fünfte Mark des DDR-Etats ging entweder in die Rüstung oder in die Reparation. Hinzu kam, dass jede Abweichung vom Kurs hart sanktioniert wurde. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche litten Verfolgung. Wer konnte, verließ das Land – insbesondere gut ausgebildete, leistungsfähige Menschen.

Über den sozialen und wirtschaftlichen Problemen schwebte das Gespenst der totalen Kontrolle des Bürgers durch den Staat. In der DDR war für echte Freiheit, d. h. für ein vom sozialistischen Staat unabhängiges Bewusstsein kein Platz. In der DDR-Verfassung ist dem gemäß zwar von „Gewissensfreiheit“ die Rede, aber nicht im Sinne einer Rückzugs- und Schutzmöglichkeit des Einzelnen angesichts von Überzeugungen, die der rechtlichen und politischen Ordnung entgegenstehen (wie das in Art. 4 GG der Fall ist), sondern bloß als „eine vom Bewusstsein der Verantwortung für den Mitmenschen, die Gesellschaft und den Staat getragene Einstellung und Haltung“, die dem DDR-Bürger lediglich die Möglichkeit gab, „frei und unbeeinträchtigt für die humanistischen Menschheitsideale, für Sozialismus, Frieden, Demokratie und Völkerfreundschaft eintreten zu können“.

Nur das staats- und ideologietreue Gewissen (das „Klassenbewusstsein“) ist demnach überhaupt eines, dem nach DDR-Verfassung Freiheit einzuräumen ist. Anders gesagt: Der DDR-Bürger konnte bzw. durfte nur, was er ohnehin sollte bzw. musste. Wich er von der Norm ab und folgte dem Mandat seines eigenen Gewissens, wurde er Opfer von Spott, Druck und Gewalt. Das ist seit fast 30 Jahren Geschichte. – Gott sei Dank!

(Josef Bordat)

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