Der religiös Unmusikalische spielt auf zum Tanz

Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag

Jürgen Habermas zählt zu den herausragenden Denkern der Gegenwart. Am 18. Juni 1929 in Düsseldorf am Niederrhein geboren, eroberten seine sozialphilosophischen und soziologischen Thesen die Welt. Einem so vielfältig publizierten und breit rezipierten Intellektuellen wie Jürgen Habermas ein in Art und Umfang angemessenes Geburtstagsständchen zu singen, ist schier unmöglich. Ich möchte mich daher auf die Auseinandersetzung des Jubilars mit der Religion beschränken, die in den letzten Jahren die eine oder andere interessante Stellungnahme hervorgebracht hat. Der Tenor gegenüber dem Phänomen Religion blieb dabei zwar kritisch-distanziert (Habermas selbst beschreibt sich bekanntlich als „religiös unmusikalisch“), wurde aber – zumindest im Hinblick auf die normative und soziale Funktion des Religiösen – zunehmend wohlwollend.

Das entscheidende ist, dass Habermas der Religion Sinngehalte zuspricht, für die eine „ethisch enthaltsame“ Wissenschaft keine Sprache hat: das Gespür für Verfehlung und Erlösung, Scheitern und Gelingen. Dort wo sonst alles nur noch in Geldwerten bemessen wird, kann Religion Werte setzen, die dem Auftrag des Menschen zur Bewahrung der Schöpfung über den Tag hinaus gerecht werden. Dabei ist insbesondere das Christentum wertsetzend, wie Habermas feststellte: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“

Dabei, so Habermas, müssen die Kriterien jeder Wert- und Rechtsordnung vernünftig vermittelbar sein; einen theologischen Dogmatismus – gleich welcher Herkunft – lehnt er ab. An die Adresse von Religionsgemeinschaften und Kirchen gerichtet, schreibt Habermas: „In einem säkularen Staat müssen sie freilich auch akzeptieren, dass der politisch relevante Gehalt ihrer Beiträge in einen allgemein zugänglichen, von Glaubensautoritäten unabhängigen Diskurs übersetzt werden muss, bevor er in die Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden kann. Es muss gewissermaßen ein Filter zwischen die wilden Kommunikationsströme der Öffentlichkeit einerseits und die formalen Beratungen, die zu kollektiv bindenden Entscheidungen führen, andererseits eingezogen werden. Denn staatlich sanktionierte Entscheidungen müssen in einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen Sprache formuliert und gerechtfertigt werden können.“

Aus katholischer Sicht ist das gewährleistet, da göttliche Gebote vom Menschen nicht befolgt werden sollen, weil sie Gebote Gottes sind, sondern weil sie sich in ihrem Regelungsgehalt einer von Gott und Mensch geteilten Vernunft als gut zu erkennen geben. Das bedeutet aber auch, dass sich die Kirche um eine Verkündigung ihrer Morallehre bemühen muss, die anschlussfähig ist an säkulare Konzeptionen von Mensch, Person, Würde, Leben, Recht etc. Die säkulare Ethik kann jedoch umgekehrt vom Erfahrungsschatz der Religionen profitieren, auch ohne ihren Offenbarungsgehalt zu übernehmen – das gelingt ohnehin nur im Glauben. Und den kann man bekanntlich nicht erzwingen.

Umgekehrt, so Habermas weiter, sei auch ein wissenschaftlicher Dogmatismus fehl am Platz. Habermas betont, dass das säkulare Bewusstsein der Wissenschaft lernen müsse, der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen, denn – so der Philosoph mit Blick auf die boomenden Neurowissenschaften – „naturalistische Weltbilder genießen keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen“. Wichtig und erfreulich, dass Jürgen Habermas auch das der Gegenwart ins Stammbuch schreibt.

Der Jubilar ist mit seinen 90 Jahren immer noch aktiv. Sein neues Werk („Auch eine Geschichte der Philosophie“) soll nach Angaben des Suhrkamp-Verlags etwa 1700 Seiten umfassen. Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist wohl auch in dieser Hinsicht einzigartig.

(Josef Bordat)

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