Der Gott Gregor Gysis

Gregor Gysi meint in der Tagespost: „Vielleicht wäre eine andere Beschreibung Gottes dergestalt sinnvoll, dass es irgendetwas außerhalb und unabhängig von Menschen gibt, das unsere Existenz, unser Schicksal und jenes, was wir nicht verstehen, erklärt. Dem wird man sich wohl weniger entziehen können.“

Richtig. Doch Gottesvorstellungen sollten sich – wenn ihnen überhaupt Bedeutung zukommen soll – nicht daran orientieren, was die Menschen gerade noch glauben können. Denn so kämen wir tatsächlich wieder zu anthropogenen Göttern und fielen damit in archaische Zeiten zurück. Denn selbst die reine Abstraktion des numinosen „Höheren“ ist ja eine Wunschvorstellung des Menschen, eine bequeme Projektion ins Beliebige. Und so, wie man vor zwei oder drei Jahrtausenden einen passgenauen Gott für Krieg, Wein, Liebe und andere Dinge brauchte (und sich schuf), wäre dieses moderne Abstraktum eben auch nur vom Nutzwert her bestimmt: quadratisch, praktisch, gut.

Wir müssen uns schon dem dreifaltigen, dreieinigen Gott der Bibel nähern, wenn wir Christen sein wollen, auch dann, wenn das schwieriger ist als von einer schöpferischen Energie oder einer kosmischen Macht zu sprechen, die mit uns nichts zu tun hat (und wir mit ihr dann auch nicht – von allgemeiner Bewunderung und gelegentlichem rituellen Staunen mal abgesehen). Wir müssen Gott als den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist bezeugen, mit allen Aufträgen, die damit verbunden sind: Bewahrung der Schöpfung, Nächstenliebe, Nachdenken über den Glauben.

Der unpersönliche Gott Gregor Gysis, der „Irgendetwas-außerhalb-und-unabhängig-vom-Menschen“, wäre nicht der „Ich bin da“ judeo-christlicher Offenbarung und Tradition. Es mag sein, dass wir mit jenem Gott eher Frieden schlössen, soweit er eben schön außerhalb von uns bleibt und wir von ihm unabhängig sind, doch das, was Christen „Gott“ nennen, ist damit nicht getroffen.

(Josef Bordat)

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