Warum kniet ein Mensch vor einem „Stückchen Brot“?

Ein Mensch kniet vor einem „Stückchen Brot“, soweit er darin in einem Akt des Glaubens etwas anderes erkennt als Brot, weil das Brot nicht mehr Brot ist. Wie geht das?

Die Idee ist eine metaphysische: Jedes Ding hat ein Sein und ein So-Sein – etwas, das es wesentlich ausmacht (die Substanz), und hinzutretende Eigenschaften (die Akzidenzien). Bei einer Transsubstantiation kommt es zum Tausch der Substanzen, ohne Beeinträchtigung der wahrnehmbaren Eigenschaften. Das Wesen, das eine Sache ontologisch ausmacht (wenn es darum geht, was sie eigentlich ist) ändert sich, ohne dass es zu einer äußerlich erkennbaren Veränderung der Sache käme. Das eucharistische Brot etwa schmeckt weiterhin brotartig, also: „wie Brot“, obwohl es kein Brot mehr ist. Das Wesen der Hostie hat sich gewandelt: Im Glauben ist sie uns nach der Konsekration „Leib Christi“.

Das funktioniert natürlich nur im Denkgebäude einer essenzialistischen Metaphysik, in dem eine Sache mehr ist als das, was wir über sie erfahren können, in der es also ein unserer Wahrnehmung entzogenes „Wesen“ der Sache gibt, das sich nicht in der Summe ihrer Eigenschaften erschöpft. Eine reistisch-positivistische Weltsicht hingegen, bei der die Dinge gerade sind, was sie uns sinnlich offenbaren, wie sie uns erscheinen in Beobachtung und Messung, verwirft die Ontologie der Substanzmetaphysik, auf der die Idee der Transsubstantiation basiert. Muss sie auch: Wer eine konsekrierte Hostie im Labor untersuchte und das Ergebnis mit den Daten einer nicht-konsekrierten Hostie vergliche, würde – nehme ich an – keinen signifikanten Unterschied feststellen. Denn er würde – substanzmetaphysisch – gesprochen nur die Akzidenzien vergleichen – und die haben sich ja nicht verändert.

Schwierig – zugegeben! Vielleicht gibt es dennoch einen Weg, die Wandlung der Moderne begreiflich zu machen. Wir kennen ja auch in anderen Kontexten das Phänomen, dass Dinge plötzlich eine andere Bedeutung haben, ohne dass sich etwas an ihren Eigenschaften geändert hätte. Wenn ich einen roten, einen gelben und einen schwarzen Schal nehme, dann ergibt sich, in der richtigen Reihenfolge arrangiert, ein Bild, dass ganz andere Assoziationen weckt als „drei Schals“. Plötzlich denke ich „Deutschland“ oder „Belgien“ – und ich denke an das, was damit in Verbindung steht. Ohne dass sich die Eigenschaften der Schals verändert hätten, bekommen sie eine ganz neue symbolische Bedeutung – sie stehen für etwas, für das sie vorher nicht standen.

Das trifft nun noch nicht ganz den Punkt, denn der katholische Glaube geht weiter: Er sieht in der Hostie – bei aller Zeichenhaftigkeit des Sakraments der Eucharistie – nicht nur ein Symbol, eine neue Bedeutung, die zugeschrieben wird, sondern ein neues Sein. Die Hostie symbolisiert nicht nur den Leib Christi, bedeutet nicht nur so viel wie der Leib Christi, sie ist der Leib Christi. Das ist etwas, dass sich nur im Glauben erschließt. Doch vielleicht kann das Beispiel der Schals erst mal dazu anregen, überhaupt zu akzeptieren, dass ein und dieselbe beobachtbare Stofflichkeit ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen können – bis hin zur Wesensänderung, aus der völlig andere soziale Konsequenzen erwachsen.

Denn: Würde man die drei Schals für sich genommen verbrennen, wäre das (eingedenk der Brandschutzverordnung) ein erlaubter Akt (tun Sie‘s trotzdem nicht – der nächste Winter kommt bestimmt). Würde man die drei Schals miteinander verbinden (schwarz-rot-gelb) und dann – in dieser gewandelten Gestalt – verbrennen, wäre dies als „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“ nach § 90a StGB strafbar. Und so, wie jemand – denken Sie an einen Soldaten – vor drei Schals in der richtigen Reihenfolge salutiert, so kniet der gläubige Mensch vor einem – akzidentiell gesprochen – „Stückchen Brot“, weil er darin – substanziell betrachtet – etwas erkennt, das weit über das So-Sein des Brotes hinausgeht: das Sein des sich uns selbst als „Brot des Lebens“ präsentierenden Christus.

(Josef Bordat)

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