Im Mutterleib

Zum Hochfest der Geburt Johannes des Täufers wird durch die alttestamentlichen Lesungen verdeutlicht, dass es zu jeder Offenbarung ein „Vorher“ gibt, in dem sich verhüllt, was offenbar werden soll, in dem es aber gleichsam bereits angelegt ist. Die Propheten Jeremia und Jesaja nutzen dafür das Bild der Geburt: Vor der körperlichen Bildung des Menschen liegt der Gedanke Gottes, vor der Entbindung das Heranreifen.

Jeremia schreibt über das „Wort des Herrn“, das an ihn „erging“: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ (Jer 1, 5). Und Jesaja sagt über sich selbst: „Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ (Jes 49, 1).

Die Jeremia-Stelle ist Teil der ersten Lesung am Vorabend des Hochfestes, die Jesaja-Stelle wird im Rahmen der ersten Lesung des Festtags genommen. Das deswegen, weil auch der letzte Prophet des Alten Bundes, eben jener Johannes der Täufer, die vorgeburtliche Gnade Gottes erfährt: „Schon im Mutterleib wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein“ (Lk 1, 15).

Es geht um Kontinuität, vor allem aber um Verbindung von Gott und Mensch, die sich vorgeburtlich zeigt, durch die der Embryo „ausersehen“, „geheiligt“, „berufen“ und „vom Heiligen Geist erfüllt“ ist. Das steht in einem denkbar großen Gegensatz zu dem Bild des seelenlose, parasitären Zellhaufen, mit dem man nach Belieben verfahren kann.

Wir wissen andererseits heute – zwei Jahrtausende nach Jeremia, Jesaja und Johannes –, dass die „Formung“ des Menschen im Moment der Zeugung passiert, wenn sich die Gene von Vater und Mutter zu einem neuem, einzigartigen Leben vereinen, das sich dann „nur“ noch entwickelt, also: wächst, reift, altert und stirbt. Und das gilt nicht nur für Propheten, das gilt für alle Menschen.

Und jenseits der modernen Biologie glauben wir: Gott liebt uns von Anfang an, ohne dass wir große Propheten sein müssen. Allein, weil wir Menschen sind, mit denen Gott die Verwirklichung Seines Heilsplans ein kleines oder auch ein großes Stück voranbringen will. Daher ist menschliches Leben von Beginn an „ausersehen“, „geheiligt“, „berufen“ und „vom Heiligen Geist erfüllt“.

(Josef Bordat)