Zehn Gebote fürs Gespräch

Sommer 2019. Einige vermissen die Diskussionskultur, ich vermisse meine Sonnenbrille. Wo ist sie nur geblieben? Ich meine: die Diskussionskultur. Wenn man sich den Unwillen und auch die Unfähigkeit der Menschen zum offenen, gelungenen Dialog anschaut, kann einem schon ganz anders werden.

Anders – darum geht’s. Es liegt einfach daran, dass wir den Anderen in dessen Andersartigkeit nicht mehr ernst nehmen. Jede Abweichung von unserer Norm wird verächtlich gemacht. Dabei herrscht eine unglaubliche Aggressivität. Jede kleinste Schwäche, jede winzige Blöße wird erbarmungslos ausgeschlachtet.

Dabei geht es auch anders. Wir kennen das alle aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis: Man ist unterschiedlicher Ansicht, kommt aber doch ganz gut miteinander aus. Weil man sich kennt. Weil man sich gegenseitig nicht nur auf eine Positionierung reduziert. Weil man den Anderen mit Namen kennt. Weil man ihn als Person wertschätzt.

Der Dialog kann auch online gelingen. Das Gespräch kann Früchte tragen. Bloß: Warum sollte es? Warum – wenn es sich doch viel besser anfühlt, es dem Anderen mal so richtig gegeben zu haben! Und von daher ist es wichtig, folgende zehn Gebote unbedingt zu beachten, wenn man sich an Diskussionen im Netz beteiligt.

1. Der Andere ist ein User, kein Mensch, schon gar keine Person, die die gleichen Rechte hätte wie man selbst! Lassen Sie sich da nichts einreden!

2. Der Andere ist höflich? Er will Sie einlullen! Bleiben Sie ruhig bei Ihrer klaren Wortwahl, lassen Sie sich nicht beeindrucken! Er hat in seiner Höflichkeit böse Motive und perfide Hintergedanken, der Andere.

3. Der Andere zeigt sich kompromissbereit und weicht unter Hinweis auf neue Aspekte und Argumente von seiner Position ab? Das tut er doch nur, um von Ihnen ebenfalls Zugeständnisse zu erpressen! Gehen Sie niemals darauf ein! Der Andere kann nicht Recht haben. Denn das haben Sie ja schon.

4. Der Andere sagt Dinge, die eigentlich ganz vernünftig klingen? Das ist sein Trick! In Wahrheit meint er doch etwas ganz Anderes (niemals vergessen: Es ist der Andere!). Er täuscht Sie über seine wahren Absichten und deutet Begriffe nach Belieben um. Lassen Sie das nicht zu!

5. Der Andere ist offen und spricht auch von den Schwächen seiner Position? Das macht er nur, damit auch Sie sich öffnen, um dann – so verwundbar, wie Sie dann sind – wirkungsvoller zuzuschlagen zu können! Legen Sie es ihm als Unsicherheit und Kenntnismangel aus. Bittet er am Ende gar für eine Fehleinschätzung um Entschuldigung? Gut so! Dann sieht er es mal endlich ein, dass Sie es sind, der Recht hat.

6. Der Andere wird von jemandem unterstützt, mit dem Sie befreundet sind? Beenden Sie die Freundschaft! Drohen Sie zumindest damit. Sie können keine Andersdenkenden in ihrer Chat-Leiste gebrauchen.

7. Der Andere führt einen Beleg an, der seine Thesen stützt? Fake news! Belege, die Ihre Thesen stützen, brauchen Sie nicht weiter zu prüfen, weil sie wahr sind. Immer. So wie alles vom Kopp-Verlag.

8. Der Andere gehört einer bestimmten Gruppe an? Projizieren Sie alles, was Sie an Negativem über diese Gruppe wissen, auf den Anderen. Das gilt vor allem, wenn die Gruppe eine religiöse oder weltanschauliche Gemeinschaft ist.

9. Der Andere sagt Dinge, die seiner Gruppenzugehörigkeit widersprechen? Machen Sie ihn – möglichst spöttisch – darauf aufmerksam, dass er das, was er sagt, nicht ernst meinen kann, wenn er weiterhin zu seiner Gruppe gehören will. Geben Sie ihm keine Möglichkeit, eine Position zu entwickeln, die von dem abweicht, was Sie über die Gruppe wissen. Sie sind der Maßstab. Sie und Wikipedia.

10. Der Andere möchte das Gespräch beenden? Dann weisen Sie ihn – auch, wenn er Familie, einen Beruf und mehrere Hobbys hat – darauf hin, dass es ja wohl ein Armutszeugnis ist, eine Diskussion mittendrin einfach so zu verlassen, ohne auch nur ein einziges brauchbares Argument geliefert zu haben (die Zahl der tatsächlich gelieferten brauchbaren Argumente ist unerheblich, es geht ja darum, ihn zum Weitermachen zu provozieren – Sie haben Zeit!). „Aber so ist das eben, wenn man keine Ahnung hat, [Gruppenzugehörigkeit]!“

Die Sonnenbrille ist wieder aufgetaucht. Zumindest das wäre geklärt.

(Josef Bordat)