Ihr und wir

Daniel Bogners Analyse der Kirchenkrise ist kenntnisreich und tiefenscharf, basiert aber auf einer stereotypen Dichotomisierung.

Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg in der Schweiz, ist nicht der erste, der sich aus Expertensicht zur Kirchenkrise äußert. Er wird – soviel Prophetie darf sein – auch nicht der letzte sein. Im Gegenteil: Es ist im vorolympischen Sommer eine Art Breitensport der katholischen Publizistik, der Kirche Tipps für die Zukunft zu geben, gebeten oder ungebeten, gelegen oder ungelegen. Man verliert leicht den Überblick. Und man muss gar nicht zurückverweisen auf die Grundhaltung christlicher Frömmigkeit Gott und der Kirche gegenüber – nämlich: alles hoffen, viel erwarten, nichts fordern –, um die Art und Weise, wie der Diskurs insgesamt läuft, als kontraproduktiv zu empfinden. Es reicht ein oberflächlicher Blick auf die Meinungsäußerungen der letzten (und wohl auch kommenden) Monate, um in resignatives Schweigen zu fallen.

Anders Bogner. Er spricht offen aus, was er zur Krise denkt. Sein 150-Seiten-Manifest nimmt affirmativ auf, was en vogue ist und via „Maria 2.0“ auch die säkulare Öffentlichkeit erreicht hat: Die Kirchenkrise – dass die Kirche hierzulande in der Krise ist, wird nicht ganz zu Unrecht vorausgesetzt – lasse sich nur mit Nachgiebigkeit in dogmatischen Fragen, Reformen in organisationalen und strukturellen Belangen und insgesamt mit einem anderen Klima bewältigen. Man muss ihm – neben dem auch nicht immer selbstverständlichen Sachverstand – zugestehen, dass er es wirklich ernst meint mit seiner Sorge um die Kirche, dass es ihm trotz klarer Sprache nicht um Stimmungsmache geht, sondern um die Suche nach Wegen substanzerhaltender Reformen. Das unterscheidet ihn von einigen weniger kenntnisreichen Stimmen, die sich ebenfalls zu Wort melden, das unterscheidet ihn aber auch von ebenso aktionistischen wie pauschalisierenden Forderungen nach tiefgreifenden Veränderung, die die Kirche nicht neu wollen, sondern eine neue Kirche.

Leider arbeitet aber auch Bogner mit apodiktischen Zuschreibungen und nahezu irritationslos vorgetragenen Schuldzuweisungen, die sich für den Verfasser aus eigener Erfahrung der beschriebenen „Entwicklungen und Kräfte“ begründen („selbst erfahren“ oder „miterlebt, wie andere sie erfuhren“). Nicht innen versus außen, nicht konservativ versus progressiv – Bogner geht den Weg über eine andere Grenzziehung: Klerus und Laien. Genauer: der Hochklerus und der Rest der Kirche, kurz: „ihr“ und „wir“. So klar dabei wird, wer „ihr“ sein soll (eben: Bischöfe, Kardinäle und der Papst), so unklar bleibt, wer „wir“ ist. Offenbar sieht der Verfasser die Kirche (abzüglich „Bischöfe, Kardinäle und der Papst“) geschlossen hinter sich, sonst könnte der Aufschlag nicht so selbstbewusst, die Schuldzuweisung nicht so eindeutig sein. Das geschieht aus einer Position der Stärke heraus, deren Basis evident ist: Wenn es „ihr“ ist, das die Kirche zerstört, ist „wir“ fein raus. Ihr seid Krise, wir sind Kirche. Das ist mehr als eine Stilfrage, es präjudiziert Antworten auf inhaltliche Fragen: Wer die Verantwortung dem Klerus zuschreibt, fordert von diesem auch die Lösung – bis hin zur Auflösung gegebener Strukturen. Dass eine Frontlinie von „wir“ und „ihr“ nicht unbedingt ein gelungener Ansatz ist, zeigt sich dann in der Tat auch inhaltlich: Die Front ist der Hebel für die Veränderung, die für Bogner auch Frauenordination beinhaltet.

Wertvoll wird der Text dort, wo er sich gut begründet der Spannung von Moral und Recht, von einzelnem Gläubigen und der institutionalisierten Gemeinschaft, von objektiver Norm und subjektiver Auslegung dr Norm widmet. Bogner gibt gute Hinweise von der liberal-subjektivistischen Seite, die das Verhältnis von objektiver Gegebenheit (Recht, Institution, Norm) und subjektivem Empfinden in diese Richtung hin auflöst. Hier öffnet sich ein Raum für Debatten über die Schlüsselfigur dieses Denkens: das Gewissen. Hier lässt sich aber auch anschließen mit einer Apologie der objektiven Norm als ihrerseits gewissensbildend, also die innere Einstellung formend, aus der dann Handlungen erwachsen. Beides gilt es zu sehen. Auch die von Bogner als christlich apostrophierte Gesinnungsethik ist ein Einfallstor für Rechtfertigungsdiskurse, und Rechtfertigung – allein vor der eigenen Gesinnung vorgenommen – führt zu Selbstgerechtigkeit. Die Norm muss vor dem Gewissen bestehen, richtig, doch das Prüfen der Gesinnung an der objektiven Norm gehört ebenfalls zur christlichen Ethik. Hier ist es wichtig, keiner Einseitigkeit das Wort zu reden. Die Tendenz besteht bei Bogner, wenn die Moral des Christen als seine „Einstellung“ ausgewiesen wird – flankiert von passenden Bibelversen. Das geht im Zweifel auch andersrum, zugunsten einer „gewissenlosen“ Objektivierung der Moralität.

Zugleich betrachtet Bogner jedoch auch die „Keulen“ des Reformkatholizismus kritisch: Synodalität sei kein brauchbarer Ansatz, solange nicht klar sei, was der „Containerbegriff“ eigentlich bedeute, dem man alle Hoffnungen (oder auch Befürchtungen) auflädt. Auch in den Grundsätzen ist ihm uneingeschränkt zuzustimmen, dass es etwa in der innerkirchlichen Auseinandersetzung auf Liebe und Respekt ankommt, und erst Recht in der Zielsetzung, eine zeitgemäße katholische Identität zu entwickeln und die Kirche als einen Ort der (geistigen, aber auch sozialen) Heimat anzubieten. Nur geht das eben nicht aus der skizzierten Frontstellung heraus, die Daniel Bogner als gegeben annimmt.

Bibliographische Angaben:

Daniel Bogner: Ihr macht uns die Kirche kaputt… doch wir lassen das nicht zu!
Freiburg i. Br.: Herder 2019.
160 Seiten, € 16.
ISBN: 978-3-451-39030-2.

(Josef Bordat)