Schlepperin, Heilige? Heldin des Gewissens!

Carola Rackete, Kapitänin der „Seawatch 3“, die sich wegen unerlaubten Einfahrens in einen italienischen Hafen derzeit in italienischer Haft befindet — für die einen ist sie eine Schlepperin, die schnellstens aus dem Verkehr gezogen gehört, bevor sie Europa mit noch mehr Schwarzafrikanern flutet, für andere eine Heilige, die Menschenleben rettet. Ich tendiere eher zu letzterer Interpretation, wobei für mich vor allem ihre Gewissensentscheidung zählt, auch gegen geltendes Recht Menschen zu retten.

Der Hintergrund ist – wenn ich das richtig sehe – folgender: Menschen fliehen über das Mittelmeer nach Europa. Das tun sie seit Jahren und das werden sie auch weiterhin tun, unabhängig von den Maßnahmen, die Europa rechtlich ergreift, um sich diese Menschen vom Hals zu halten. Offenbar ist die Verzweiflung vieler flüchtender Menschen so groß, dass sie dabei hohe Risiken eingehen. Jedes Jahr sterben tausende Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer. Niemanden – nehme ich an – lässt das kalt.

Die einen sagen: Man muss die Flucht als solche unterbinden. Keine Flucht, keine Flüchtlinge – keine Flüchtlinge, keine ertrinkenden Flüchtlinge. Das klingt bestechend, ignoriert aber, dass es – immer noch und immer wieder – Fluchtgründe gibt, die unter allen Umständen zur Flucht motivieren. Gewalt, Krieg, Hunger. Davor die Augenzu verschließen, hilft Niemandem. Wie gesagt: Die Menschen kommen. Nichts ist dagegen zu sagen, wenn Europa alles tut, um Gewalt und Krieg und Hunger in Afrika einzudämmen, aber das ist ein langfristiges Projekt. Jetzt gibt es die Fluchtursachen und daher auch die Fluchtversuche.

Die anderen sagen: Dann muss man denen, die jetzt fliehen, helfen, dass sie bei der Flucht nicht sterben. Dem schließe ich mich als Lebensschützer ausdrücklich an. Und wenn man dabei Gesetze bricht, dann ist das so. Man muss in diesen Situationen, in die sich Menschen wie Carola Rackete bewusst hineinbegeben, entscheiden, was wichtiger ist: das Leben von 40 Menschen, mit denen man seit Wochen auf See ist und die dringend humanitäre Hilfe benötigen, oder die Beachtung der Gesetze eines Staates, der die erste Bedingung für diese Hilfeleistung inkriminiert: das Anlegen an Land.

Carola Rackete hat sich für die 40 Menschen entschieden. Ihr war klar, dass Seenotrettung mittlerweile ich Teilen Europas als kriminelle Handlung eingestuft wird. Sie ist offenbar bereit, für den Rechtsbruch die Konsequenzen zu tragen. Dafür gebührt ihr Achtung. Für mich ist sie deswegen noch keine Heilige, wohl aber eine Heldin des Gewissens – und eine ganz besondere Lebensschützerin.

(Josef Bordat)