Sex

Die Portale „kath.net“ und „katholisch.de“ im Vergleich.

Die Bedeutung, die man einem Thema zumisst, zeigt sich nicht nur in der Art und Weise seiner Verhandlung, sondern auch in der Häufigkeit seiner Erwähnung. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Steht schon in der Bibel. Und so gibt es Priester, die bei jeder erdenklichen Ausgangsperikope nach zwei bis drei Predigtsätzen zu „ihrem“ Thema kommen.

Bei den eher progressiven Geistlichen sind dies die Themen Missbrauch, Migration und Misogynie in der Kirche, bei den eher konservativen Geistlichen ist es das Thema Sex. Sex, Sex, Sex. Und Homo-Sex. Homosexualität. Sexualität. Sex. Immer wieder. Sex. Sexualisierung. Früh, spät. Rein, raus. Hoch, runter. Sex, nur Sex.

Gut, ich übertreibe – Sie merken das. Aber dennoch lohnt sich ein Blick in die virtuelle Wirklichkeit. Gibt man in die Suchmaske des Portals „kath.net“, das gemeinhin als konservativ gilt, das Wort „Sex“ ein, erhält man 2573 Einträge. Wiederholt man den Vorgang bei dem als progressiv geltenden Portal „katholisch.de“, so erhält man 169 Treffer. Es geht also bei dem konservativen Portal rund fünfzehn mal öfter um Sex als bei dem progressiven. Doch vielleicht nur deshalb, weil es fünfzehn mal mehr Texte enthält?

Um die Gesamtzahl der Einträge in den Portalen näherungsweise zu ermitteln, lasse ich ein Wort suchen, dass in praktisch jedem Text vorkommt, nämlich das Wort „und“. Für „kath.net“ ergeben sich so 28185 Treffer. Die Gesamtzahl der Einträge bei „katholisch.de“ beträgt mit dieser Methode 34194. Ich wiederhole den Test mit dem Wort „in“ („kath.net“ – 26437; „katholisch.de“ – 33830) und bilde den Mittelwert: für „kath.net“ ergibt sich 27311, für „katholisch.de“ 34012. Das bedeutet: Das Gesamtvolumen von „katholisch.de“ übersteigt das von „kath.net“ um den Faktor 1,25, was die Differenz bei der relativen Häufigkeit von Sex-Artikeln auf knapp das 19fache ansteigen lässt. Mit anderen Worten: Geht es bei „kath.net“ in jedem elften Text um Sex, geht es bei „katholisch.de“ in rund jedem 200. Text um Sex. Das ist ein Befund, den man „signifikant“ nennen kann.

Das zu den Zahlen. Eine solche Quantifizierung ersetzt keine Inhaltsanalyse. Der heuristischen Pragmatik wegen vergleiche ich die ersten zehn mir am 9. Juli 2019 um 22:30 Uhr angezeigten Beiträge beider Portale zum Stichwort „Sex“, ihrem Titel und ihrer Kurzzusammenfassung nach.

***

1.) kath.net

Vatikan hebt Immunität seines Nuntius in Frankreich auf
Gegen Erzbischof Ventura liegen mehrere Vorwürfe sexueller Belästigung vor – U.a. soll er beim Neujahrempfang der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo mehrfach und vor Zeugen einen jungen Mann am „Gesäß gestreichelt und begrapscht“ haben.

UK: Christlicher Student zu Unrecht von Studiengang ausgeschlossen
Berufungsgericht hebt Urteil gegen Felix Ngole auf, der Homosexualität auf Facebook als Sünde bezeichnet hatte. Die Universität Sheffield schloss ihn daraufhin von einem Studiengang für Sozialarbeit aus.

US-Bischöfe: Großspende an homofreundliches ignatianisches Netzwerk
Die Bischofskonferenz zahlt 750.000 Dollar an das ‚Ignatian Solidarity Network’, das in seinen Veranstaltungen Homosexualität immer wieder positiv bewertet.

Neue Vorwürfe von Ex-Nuntius Viganò
Der frühere Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò, wirft hohen Vatikanmitarbeitern und sogar Papst Franziskus wissentliche Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch Kleriker vor.

Erzbischof Scicluna: ‚Like’ für Tweet von der Schwulenparade
Ein Sprecher des Erzbistums Malta betonte, der Erzbischof habe dies ‚unabsichtlich’ getan. Scicluna ‚folgt’ auf Twitter dem homosexuellen US-Politiker und Präsidentschaftskandidaten Pete Buttigieg.

Kirchliches Institut für Professionalisierung der Sexualpädagogik
Institut für Ehe und Familie (IEF) begrüßt Vorstoß von ÖVP und FPÖ im Parlament, dass in Schulen künftig keine schulfremden Vereine Sexualkundeunterricht erteilen dürfen.

Kirchliches Institut warnt vor Schnellschuss bei Konversionstherapie
IEF sieht in SPÖ-Fristsetzungsantrag sachliche Mängel und fordert klare Grenzziehung – Pauschal-Verbot gefährdet individuelle Autonomie, Therapie- und Religionsfreiheit sowie sexuelle Selbstbestimmung

Viganó: Vorwürfe gegen Rektor des Nationalheiligtums in Washington
Mons. Walter Rossi soll männliche Studenten an der Catholic University of America sexuell belästigt haben.

Papst ernennt Administrator für Diözese von Kardinal Barbarin
Erzbischof von Lyon war im März wegen Nichtanzeige sexuellen Missbrauchs erstinstanzlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden – Berufungsverhandlung findet Ende November statt.

Italien: Verbot künstlicher Befruchtung für Homosexuelle bleibt
Verfassungsrichter tendieren laut Höchstgericht zu Bestätigung der derzeit geltenden gesetzlichen Regelung

2.) katholisch.de

Papst zu Jugendlichen: „Sex ist Geschenk Gottes“
Sexualität darf kein Tabu sein, findet Papst Franziskus und spricht deshalb mit Jugendlichen darüber. Sex ist für ihn der „schönste Punkt der Schöpfung“. Doch er macht eine Einschränkung.

Italienischer Priester wegen Sex-Orgien suspendiert
Kriminalität – Aufgrund von Gruppensex und Prostitution im Pfarrhaus wird ein Priester im italienischen Padua seines Amtes enthoben. Eine seiner Geliebten hatte den Mann wegen Vergewaltigung angezeigt.

Kardinal: „Kirche hat zu viel über Sex gesprochen“
Wiens Kardinal Christoph Schönborn übt zu Beginn des Weltfamilientreffens in Dublin Selbstkritik. Er fordert ein Umdenken im kirchlichen Umgang mit Ehe und Familie. Vorbild dafür sei Papst Franziskus.

Sex-Nachrichten per WhatsApp: Pastor aus Dienst entlassen
Er schickte einem anderen Mann pornografische Nachrichten über WhatsApp: Das Bistum Münster entließ den Priester daraufhin aus den Dienst. Dass man sich damit beeilt hat, hat einen bestimmten Grund.

Baseler Bischof: Leben ohne Sex ist „wunderbar möglich“
Ein Leben ohne Sexualität? Für den Baseler Bischof Felix Gmür ist das kein Problem. Zölibatär lebende Menschen müssten ihre Gefühle ganz einfach in eine andere Richtung lenken, sagt der Schweizer – und gibt Beispiele.

Erpressung, Sex und Mafia
Die Vatikan-Kolumne „Franz & Friends“ spekuliert in dieser Woche um den Ausgang des Vatileaks-Prozesses: Einiges spreche dafür, dass die Hintergründe des Geheimnisverrats niemals ganz geklärt werden könnten.

Moraltheologe: Wenn es um Sex geht, muss Kirche Gläubige ernst nehmen
Bischof Stefan Oster sieht kaum Bewegungsspielraum bei der kirchlichen Sexualmoral. Moraltheologe Jochen Sautermeister widerspricht: Die Kirche müsse ihre Sexuallehre reformieren – und sich dabei an den Überzeugungen ihrer Gläubigen orientieren.

Ziemlich viel Sex vor der Ehe
Jungfräulich zum Traualtar: für viele junge Katholiken klingt das nicht erstrebenswert, ein liberales Liebesleben ist für sie selbstverständlich. Doch manche schwimmen gegen den Strom – aus freien Stücken.

In der Falle
Eingesperrt und zum Sex gezwungen – Frauenhandel und Zwangsprostitution in Europa. Ein Film von Inge Bell und Ales Pickar.

Mertes: Für Rechte von Homosexuellen kämpfen
Weil die Kirche Sex grundsätzlich mit Fruchtbarkeit verbinde, lehne sie die Homosexualität ab, sagt Jesuitenpater Klaus Mertes. Er fordert eine neue Sexualmoral und den Einsatz aller Katholiken.

***

Wenn wir diese je zehn zufällig ausgewählten Texte nach ihrer Thematik einteilen (auch mehrfach, wenn sie zwei oder mehr Themen behandeln) und wenn wir dabei 1. Allgemeine Sexualmoral, 2. Sexualpädagogik, 3. Berichte zum Thema sexueller Missbrauch / Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung und 4. Beiträge über Homosexualität unterscheiden, dann fallen bei „kath.net“ fünf Beiträge auf das Thema Homosexualität, fünf auf das Thema sexueller Missbrauch und ein Beitrag behandelt die Sexualpädagogik. Bei „katholisch.de“ geht es in sechs Beiträgen um Fragen der Sexualmoral, einmal um Sexualpädagogik, vier Beiträge thematisieren die kriminelle Dimension der Sexualität und bei zwei Beiträgen geht es um Homosexualität.

Während es bei „kath.net“ also hauptsächlich um Verbrechen und Homosexualität geht, geht es bei „katholisch.de“ vornehmlich um grundsätzliche Fragen der allgemeine Sexualmoral. Auch das Thema Homosexualität wird darunter verhandelt, während es bei „kath.net“ auch schon mal um die boulevardeske Skandalisierung von Einzelfällen geht („Erzbischof Scicluna: ‚Like’ für Tweet von der Schwulenparade“).

Ich bin zwar kein empirischer Sozialforscher, aber dennoch weiß ich, dass die Stichprobe zu klein ist, um repräsentativ zu sein und allgemeingültige Aussagen zuzulassen. Für eine genauere Auswertung fehlt mir Zeit und Energie. Allerdings ist mein Anfangsverdacht, dass konservative Katholiken besonders oft über Sex und ganz, ganz, ganz besonders häufig über Homosexualität sprechen und schreiben, nach diesem kurzen Schlaglicht auf „kath.net“ und „katholisch.de“ nicht völlig ausgeräumt.

(Josef Bordat)

Werbeanzeigen