Europa nach Benedikt

Der Heilige Benedikt – ein guter Schutzpatron Europas. Gerade heute.

Heute feiert die Katholische Kirche den Heiligen Benedikt. Er gilt als Schutzpatron Europas. Was macht diesen Heiligen aus der Spätantike zu einem Menschen, bei dem Europa Schutz suchen und finden kann? Ich denke, es sind vor allem vier Aspekte der Spiritualität Benedikts, die dafür von entscheidender Bedeutung sind.

Erstens: Arbeit

Das erste ist Benedikts Wertschätzung der Arbeit. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Arbeit ganz wichtig ist und hohe Wertschätzung erfährt. Wenn man ein Gespräch beginnt, dann geht es oft um die Arbeit. Wenn man fragt, was der andere macht, nennt er meistens seinen Beruf und beschreibt seine Tätigkeit. Arbeit ist das halbe Leben.

Das war in der Antike völlig anders. Erst durch den Mönchsvater Benedikt, der Gebet und Arbeit auf eine Stufe stellte (ora et labora), wurde die verpönte Arbeit, die man zuvor den Sklaven überlassen hatte, zu einem wichtigen Bestandteil des menschlichen Lebens, so wichtig wie das Gebet, das in der Antike Aufgabe der Priester war.

Der Priester steht in der Nachfolge Christi auf einer Stufe mit dem Sklaven. Er soll dienen. Das ist die theologische Botschaft des ora et labora, das Benedikt den Mönchen auftrug. Die gesellschaftliche Botschaft lautet, dass man auch durch Arbeit heilig werden kann. Nichts beförderte den Fortschritt der europäischen Kultur mehr als dieser benediktinische Gedanke.

Denn wir haben wenig natürliche Rohstoffe unter dem – verglichen mit Afrika, Asien oder Amerika – winzigen Boden Europas. Unser Wohlstand basiert seit jeher darauf, was wir daraus machen. Der Produktionsfaktor Arbeit ist für die Gesellschaften Europas immer entscheidend gewesen.

Zweitens: Glaube

Das zweite ist das Gebet, der Gottesdienst oder allgemeiner: der Glaube und die Religion. Ohne Religion lässt sich die Geschichte Europas nicht verstehen. Ohne die Anerkennung von Religiosität als Ressource können die Herausforderungen der Gegenwart nicht bewältigt werden. Und ohne ein friedliches Miteinander der Konfessionen und Religionen, also all derer, die Gebet und Gottesdienst zur Basis ihres Lebens machen, hat Europa keine Zukunft.

Ora et labora. – Bete und arbeite. Das Motto der Benediktiner hat wohl kaum jemand so tief verinnerlicht und so intensiv gelebt wie Mutter Teresa. Zahlreiche Gedanken gelten daher dem Verhältnis von Gebet und Arbeit. Sie sagte über sich: „Ohne Gebet könnte ich nicht einmal eine halbe Stunde lang arbeiten. Ich erhalte meine Kraft von Gott durch das Gebet.“

Daraus folgt dann, dass reiner Aktionismus unfruchtbar ist: „Wir können uns in der Arbeit abmühen bis zum Umfallen – wenn unsere Arbeit nicht mit Liebe durchwoben ist, ist sie unnütz.“ Statt dessen empfahl sie einen fruchtbaren Weg, der Kontemplation und Aktion zusammenführt: „Die Frucht der Stille ist das Gebet. Die Frucht des Gebets ist der Glaube. Die Frucht des Glaubens ist die Liebe. Die Frucht der Liebe ist das Dienen. Die Frucht des Dienens ist der Friede.“

Doch nimmt das Beten nicht die Zeit zum Arbeiten? Zunächst einmal: Ja, doch unter dem Strich ist dieser „Verlust“ durch die größere Motivation und höhere Energie mehr als ausgeglichen, denn: „Je mehr wir im Gebet in der Stille erfahren, desto mehr können wir in unserem Aktivleben geben.“ Und was, wenn mal gar keine Zeit da ist? Hier rät uns Mutter Teresa ganz pragmatisch, das eine mit dem anderen zu verbinden: „Du kannst beten, während du arbeitest. Die Arbeit hält das Gebet nicht auf und das Gebet nicht die Arbeit.“

Drittens: Gemeinschaft

Das dritte ist die die Gemeinschaft. Benedikt erkannte, dass den Eremiten eine Ordnung fehlte, eine Lebensregel, deren Beherzigung gemeinsam besser gelingt als allein. So gründete er eine Ordensgemeinschaft, ein Kloster. Das Mönchtum hat hier seinen Ursprung und zugleich verweist es auf die Quelle der christlichen Gemeinschaft: das Zusammenleben der Apostel um Jesus. Gemeinsam geht es besser. Das gilt auch für Europa.

Das gilt jedoch zunächst ganz allgemein: Der Mensch ist ein gemeinschaftsbildendes Wesen, ein zoon politicon, en ens sociale. Niemand lebt für sich allein. Diese anthropologische Grundeinsicht spiegelt sich bei Benedikt wieder und auch in der katholischen Glaubenslehre: So hoch die Kirche die menschliche Person als mit Vernunft und Gewissen individuell ausgestattetes und insoweit persönlich vor Gott verantwortliches Wesen schätzt, so absolut sie die Würde des Menschen setzt, als von Gott jedem Einzelnen eingestiftetes Gütesiegel der unendlichen, bedingungslosen Liebe des Schöpfers zu seinem Geschöpf, so verkennt sie doch nicht, dass jede Person eingebettet ist in eine menschliche Gemeinschaft.

Schließlich ist die Kirche selbst eine solche Gemeinschaft, ja, ist das Christentum von Beginn an auf die Bildung von Gemeinschaft ausgerichtet. Benedikt erkennt das und zieht die Konsequenz. Auch Europa hat das mittlerweile erkannt und sich zur Gemeinschaft durchgerungen. Das Ergebnis ist Stabilität, Wohlstand und Frieden. Das war in der Geschichte Europas nicht immer so.

Viertes: Gastfreundschaft

Das vierte ist die Gastfreundschaft. Benedikt meint: Jedem Menschen, der an die Klosterpforte klopft, sei so zu begegnen, als stünde dort Jesus höchstselbst. Der Fremden soll geehrt werden und man solle ihm demütig begegnen. Gäste sollen im Kloster nie fehlen. Ich hatte die Chance, im Kloster Sant Benet bei Barcelona mehrmals diese Denkweise zu erleben und durfte erfahren, wie glücklich sie macht. Auch, wenn einem nicht die Füße, sondern der Kopf gewaschen wird.

Benedikt führt die Gastfreundschaft auf das Gebot Christi zurück, den Fremden bei sich aufzunehmen. Es ist einer der Punkte, die den Unterschied machen zwischen Schaf und Bock: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25, 35). Gastfreundschaft und Fremdenliebe verbindet den Neuen Bund Jesu mit dem Alten Bund Mose. Schon im Buch Levitikus heißt es: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19, 34).

Nächstenliebe (oder für das säkulare Europa: Solidarität) darf nicht nur nach innen gerichtet sein, auf die eigene Gemeinschaft, sondern muss offen bleiben für den Anderen, zumal, wenn dieser Not leidet. Dafür ist jedes Gebet gut – und jede Arbeitsstunde.

(Josef Bordat)

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