Der Samariter und die Seenotretter

Die Not des Überfallenen und die bedingungslose Hilfsbereitschaft des Samariters dem (aus seiner Sicht) Fremden gegenüber luden in den Predigten des 15. Sonntags im Jahreskreis zu einem Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsthematik ein. Der Samariter als Seenotretter. Und ganz abwegig ist es sicher auch nicht, selbst wenn die Umstände und die Komplexität der Situationen sich nicht vergleichen lassen.

Der entscheidende Punkt ist nun die Entgrenzungsdimension des Gleichnisses: Der Jurist erwartet eine Definition (und damit Begrenzung) des Gegenstands (interessanterweise will er ja nicht wissen, was „Liebe“ bedeutet, sondern wer „Nächster“ i.S.d. Liebesgebots ist). Jesus verweigert diese Definition und zeigt in dem Gleichnis eine doppelte Entgrenzung: der Handelnde ist außerhalb der Normalität und die Handlung ist supererogatorisch – „quodcumque supererogaveris“: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (Lk 10, 35). Also: Jesus lässt Grenzen – so selbstverständlich sie waren – fallen!

Nun ist die Frage, wie sich dieses Ideal politisch umsetzen lässt. Das ist ja immer die Frage. Lässt sich mit der Bergpredigt Politik machen? Kann ein Volk von Samaritern überleben? Der Heilige steht gegen den Politiker, Gesinnung versus Verantwortung (um mal einen Gedanken Max Webers aufzunehmen). Folgt man Studien, würde jeder zehnte Mensch seine Heimat verlassen wollen, wenn das ginge (Wegfall aller Grenzen). Diese 750 Millionen potentiellen Migranten können wir in Deutschland nicht unterbringen. Klar. Aber: Bezogen auf die konkreten Fälle echter Not können wir uns am Samariter ein Beispiel nehmen. Er kümmert sich ja auch „nur“ um den akuten Einzelfall und sagt nicht: „Ich zahle Dir, lieber Wirt, für jeden Überfallenen der nächsten hundert Jahre im voraus“.

Ein Priester machte mich darauf aufmerksam, dass es bei den Fluchtursachen oft um Folgen unserer Wirtschaftsweise geht, da unser Reichtum auch auf der Ausbeutung der heutigen Herkunftsländer basiere: „Wir, die reichen Länder, haben die Länder der Migranten ausgebeutet und halbtot liegen gelassen in ihrem Schicksal“, meint er. Auch das ist im Kontext der Perikope bedenkenswert!

Also: Wir sollten und können uns in der Flüchtlings- und Migrationspolitik (gerade auch im Hinblick auf die Seenotrettung und die Aufnahme der Geretteten!) kurzfristig betrachtet und im Einzelfall am barmherzigen Samariter orientieren. Langfristige politische Lösungen sind damit nicht überflüssig. Sie müssen von der Einsicht geprägt sein, dass es reale Grenzen für die Kraft der Helfer und das Geld der Gesellschaft gibt, aber auch vom Geist der Barmherzigkeit, der den Fremden als den Nächsten betrachtet.

(Josef Bordat)

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