Dem Recht wieder zum Recht verhelfen

Am 8. August 1945 wird der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess beschlossen

Mit der Kapitulation der deutschen Streitkräfte am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Deutschland wurde in vier Zonen aufgeteilt, die drei West-Alliierten und die Sowjetunionen verwalteten jeweils einen Gebietsbereich des besiegten Feindeslands. Bereits vor Ende der militärischen Auseinandersetzung waren die Konzentrations- und Vernichtungslager befreit worden. Die Briten und Amerikaner sahen Bergen-Belsen und Dachau, die Russen Auschwitz. Das ganze Ausmaß des Schreckens war damals noch nicht abzusehen, doch allen war klar, dass die Nationalsozialisten furchtbare Gräuel verübt hatten, mit einem schier unaussprechlichen Ziel: die Vernichtung des jüdischen Volkes. Daran arbeiteten sie – bis zuletzt.

Wie sollten die Sieger umgehen mit denen, die für dieses und für die anderen Verbrechen der Nazis verantwortlich waren? Und: Welcher Verbrechen genau hatten sich die Verantwortlichen schuldig gemacht? Wofür konnten sie überhaupt zur Verantwortung gezogen werden – nun, da Hitler sich selbst gerichtet und sich alle Verantwortung auf den „Führer“ abwälzen ließ? Bohrende Fragen, auf die das International Military Tribunal möglichst bald klare Antworten geben sollte. Dafür war ein Statut nötig, das seine Arbeit regeln sollte.

Nach 15 Entwürfen wird das Internationale Militärtribunal am 8. August 1945 mit der Befugnis ausgestattet, die Angeklagten abzuurteilen. Das Statut enthält drei Anklagepunkte: „Erstens: Verbrechen gegen den Frieden, also die Planung, Vorbereitung, Einleitung oder Durchführung eines Angriffskrieges. Zweitens: Kriegsverbrechen, also Verstöße gegen die Haager Landkriegsordnung und andere einschränkende Kriegsverbrechen. Drittens: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, womit unmenschliche Handlungen aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen gemeint sind, also vor allem die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden.“ Zwischen November 1945 und April 1949 arbeiteten der Internationale Militärgerichtshof und – nach zunehmender Uneinigkeit zwischen den Siegermächten – sein Nachfolger, ein US-amerikanischer Militärgerichtshof, in insgesamt dreizehn Einzelverfahren das NS-Unrecht auf. Jedenfalls, soweit dies möglich war.

Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, Verantwortliche aus der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Führung Nazi-Deutschlands, endete nach etwas mehr als zehn Monaten Verhandlungsdauer am 1. Oktober 1946 mit zwölf Todesurteilen, sieben Haftstrafen und drei Freisprüchen. Der NSDAP-Reichsleiter Robert Ley hatte sich bereits zuvor durch Selbsttötung dem Verfahren und einer möglichen Verurteilung entzogen; der Prozess gegen den Diplomaten und Aufsichtsratsvorsitzenden der Friedrich Krupp AG, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, wurde aus gesundheitlichen Gründen eingestellt. Die Todesurteile wurden kurz darauf exekutiert. Nur in zwei Fällen konnte dies nicht geschehen: Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, beging vor der Urteilsvollstreckung Suizid, der frühere Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, Martin Bormann, der in Abwesenheit verurteilt wurde, blieb verschwunden – das Gerücht, er sei nach Südamerika geflohen und lebe dort in einem Urwald-Versteck, hielt sich jahrzehntelang hartnäckig, ehe seine Leiche 1972 bei Bauarbeiten in Berlin gefunden wurde. Heute wissen wir, dass Bormann bereits im Mai 1945 verstarb.

(Josef Bordat)