Vom Glück des Erkennens

Ein Gastbeitrag von Jutta Weiß zum Gedenktag von Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein) am 9. August.

Hatten Sie schon einmal ein Heureka-Erlebnis? Gut vier Monate ist es her, dass ich die Kar- und Ostertage am Wallfahrtsort Maria Rosenberg[1] erleben durfte. Beim Hören auf die Perikope am Ostersonntag hat es sich ereignet. Genau an der Stelle, an der der Evangelist Johannes den auferstandenen Jesus von Nazareth „Maria!“ ausrufen und Maria von Magdala auf Hebräisch „Rabbuni!“ zurückrufen lässt (Joh 20, 11–14). Das heißt Meister, übersetzt Johannes vielsagend, und schlägt damit einen Bogen zurück zum Gründonnerstag, an dem Jesus den Seinen die Füße wäscht. Jesus sagt: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“ (Joh 13, 12–14). Eine unerhörte Geste ist es, mit der hier Jesus seine dienende Haltung lehrt. Die Verknüpfung beider Bibelstellen war für mich aufregend und gleichsam neu. Mit einem Mal konnte ich sehen, welche Beziehung Jesus und Maria führten. Sie waren sich gegenseitig Diener und Meister, sie begegneten sich auf Augenhöhe!

Und wie begegnen sich Mann und Frau heute? Heute droht die Kirche am Geschlechterverhältnis zu zerbrechen. Dabei ist aber nicht nur das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu reflektieren, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Geschlecht. Denn alle sogenannten heißen Eisen sind ungelöste Probleme mit dem Geschlecht; sei es der Missbrauch, der Pflichtzölibat, das Frauenpriestertum oder allgemein sexuelle Identitäten. Immerzu geht um das Geschlecht. Aus kommunikativer Sicht befindet sich hierin der theologische Diskurs in einem Endstadium: Entweder bleiben die Diskussionen im Mainstream verhaftet oder kranken an postbabylonischer Sprachverwirrung. Auf Augenhöhe ist das wahrlich nicht. Aber was hat das alles mit der Heiligen Edith Stein zu tun?

Edith Stein-Kapelle in der Michaeliskirche
Edith Stein-Kapelle in der Michaeliskirche in Wrocław (Breslau). Foto: JoBo, 8-2018.

Der Zufall wollte es, dass ich am selben Tag gleich zwei theologische Abhandlungen zugespielt bekam, von zwei Theologinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während sich die eine, Julia Enxing, in ihrem Aufsatz „Grenzgänge. Theologie angesichts der Unverfügbarkeit Gottes“[2] vehement gegen Geschlechterrollen und -typologien ausspricht, ist die andere, Edith Stein, in ihrem Buch „Die Frau. Fragestellungen und Reflexionen“[3] geradezu akribisch dabei, den Geschlechtern Berufe und spezifische Eigenschaften zuzuteilen. Während Enxing die Vorrangstellung des Mannes mithilfe der evangelischen Theologin Magdalene L. Frettlöh entkräftet, geht Stein ganz selbstverständlich von der Vorrangstellung des Mannes aus; und das, obwohl sie in ihrem Buch Überraschendes zutage befördert: Da schreibt eine jüdische Intellektuelle und katholische Karmeliterin, die den Mut aufbringt den Völkerapostel Paulus zu kritisieren. Beispielsweise, wenn dieser das Heil der Frau an Untertänigkeit und Kindergebären festzurrt (vgl. 1 Tim 2, 11–15). Stein wittert den noch „vom Geist des Gesetzes“ bestimmten Juden, wenn sie konstatiert: „Es widerspricht zu sehr den Worten und der ganzen Praxis des Heilandes, der Frauen unter seinen nächsten Vertrauten hatte und auf Schritt und Tritt in seiner Erlösertätigkeit bewies, daß es ihm um die Seele der Frau genau so zu tun war wie um die Seele des Mannes.“

Auch Frettlöh muss bei der Analyse des Schöpfungsberichtes einen erleuchteten Moment gehabt haben, denn Enxing paraphrasiert, „dass eine derartige Nach- oder Unterordnung der Frau vom Bibeltext selbst nicht gestützt ist: Gott schuf zunächst Adam, den Menschen, und erst in dem Moment, in dem er Eva schuf, wurde aus dem ungeschlechtlichen Menschen Mann und Frau. Mann und Frau, Frau und Mann sind damit gleichwertige Abbilder Gottes: ,Keine/r genießt einen zeitlichen oder wesensmäßigen Vorzug vor dem/der anderen.‘“[4] – Haben Sie jetzt auch einen Heureka-Moment?

Genauso findet auch Edith Stein keinen tragbaren Zusammenhang für die Vorrangstellung in der Schöpfungsgeschichte und kann somit durchaus als Vordenkerin für Enxing und Frettlöh gelten. Stein stellt fest, dass ursprünglich beiden Geschlechtern die Bewahrung der Gottähnlichkeit aufgegeben war. „Eine Vorrangstellung des Mannes, die in seiner zeitlichen früheren Erschaffung ausgedrückt scheint, ist noch nicht näher erläutert“, schlussfolgert Edith Stein im Hinblick auf ihre Fundstellen im Evangelium. Dort kommt zunächst auch Jesus selbst ohne Nach- oder Unterordnung aus, wenn dieser auf die Fangfrage der Pharisäer nach der Ehescheidung auf den Schöpfungsbericht verweist, in dem es heißt, Mann und Frau werden zwei in einem Fleisch sein, um dann zu bekräftigen: „Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen“ (Mk 10, 9). Doch wurde Jesus von der Kirche richtig verstanden? Mir scheint, als wäre die formale Verbundenheit durch die Jahrhunderte weitaus wichtiger gewesen, als die Ehe auch inhaltlich zu begreifen. Und Fleisch ist hier beileibe nicht nur rein körperlich zu verstehen, sondern bezieht die Liebe ganzheitlich mit ein.

Die viel umstrittene Stelle eines paulinischen Briefes überzeugt auch Edith Stein nicht: „[…] Ihr sollt wissen, daß jedes Mannes Haupt Christus ist, des Weibes Haupt aber der Mann, Christi Haupt aber Gott“ (1. Kor 11, 3). Sie quittiert die dreifache Repräsentantenstruktur mit den Worten: „Man hat […] den Eindruck, daß die Interpretation nicht rein die ursprüngliche und die Erlösungsordnung widergibt, sondern in der Betonung des Herrschaftsverhältnisses und gar in der Annahme einer Mittlerstellung des Mannes zwischen dem Erlöser und der Frau noch von der Ordnung der gefallenen Natur beeinflußt ist. Weder der Schöpfungsbericht kennt eine solche Mittelbarkeit des Verhältnisses zu Gott, noch das Evangelium. Wohl aber kennt sie das mosaische Gesetz und das römische Recht.“

Aber nicht nur das mosaische Gesetz und das römische Recht allein, auch mir ist kurz vor Ostern eine Mittlerstellung aufgestoßen. Sie ist mir in einem Aufsatz des Theologen Joachim Kügler[5] begegnet. Dort wird die ursprünglich gleichwertige Geschlechterordnung von dem jüdischen Religionsphilosophen und Zeitgenossen Jesu, Philo von Alexandrien, vertikal auf den Kopf gestellt: Erlösung bedeutet bei Philo sich von allem Irdisch-Leiblich-Sinnlich-Weiblichen zu lösen. Dabei wirkt der Logos, der auf die Ideenlehre Platons zurückgeht, als Vermittler zwischen Gott und der Menschenwelt, wobei sich der männliche Geist über den Leib sowie die irrationalen leiblichen und weiblichen Anteile der Seele erhebt. Ein wahnwitziger Abgesang auf das Weibliche. Und den Leib. Man könnte leicht spekulieren, dass Paulus vom Zeitgeist beeinflusst war, aber dass dieser wegen der Frauenliebe seines Herrn, die unter den Jüngern immer wieder für Irritationen gesorgt hatte, durch seine eigene Mittlerstruktur auszubügeln versuchte, was bei Philo gänzlich undenkbar war: die Gottesbildlichkeit der Frau.

Aber was war für Edith Stein der ausschlaggebende Grund, an der Vorrangstellung des Mannes festzuhalten? Ihre Argumente fallen eingedenk der jüdischen Erklärungsmodelle vergleichsweise unkompliziert aus. Stein erläutert: „Die Vorrangstellung des Mannes enthüllt sich darin, daß der Erlöser in Mannesgestalt auf die Erde kommt. Das weibliche Geschlecht wird dadurch geadelt, daß der Heiland von einer menschlichen Mutter geboren wird, daß eine Frau die Pforte war, durch die Gott in das Menschengeschlecht Eingang fand.“ Heben sich demnach Vorrangstellung des Mannes und die in der Adelung implizierte Vorrangstellung der Frau nicht auf? Geht es am Ende etwa nur um die Mannesgestalt, der Stein spezifische Eigenschaften zugeordnet wissen will? Ihre Begründung wird nicht ausreichen, den theologischen und kirchlichen Zerwürfnissen Einhalt zu gebieten. Hier können anscheinend nur noch heurekaeske Erlebnisse das Vertrauen in Jesus stärken, das in die Kirche verloren gegangen ist. Entsprechend ist auch die steinsche Geschlechtertypologie, um es mit Enxing zu formulieren, zur Herleitung der männlichen Vorrangstellung weniger als theologische als vielmehr als eine tradierte Einschätzung einzuordnen. Denn Edith Stein hatte als Sr. Teresia Benedicta a Cruce ihren Platz bei Jesus gefunden, der in ihrem Glaubensleben selbstverständlich absoluten Vorrang genoss.

Die Beziehung von Jesus von Nazareth und Maria von Magdala vor Augen, komme ich zu dem Schluss, dass Jesus im jüdischen Geschlechterkampf nichts anderes als die ursprüngliche Schöpfungsordnung wiederherzustellen versuchte, denn er liebte die Frauen, ließ sich von ihnen innerlich und äußerlich berühren, salben, küssen und mit ihren Tränen benetzen. Nichts anderes drückt das Evangelium in der Geschlechterfrage aus. Jesus selbst hätte seine Vorrangstellung nicht deutlicher entkräften können als mit der Fußwaschung. Insofern bin ich dankbar, dass ich das Glück des Erkennens an Ostersonntag erfahren durfte und dass mir in der Beziehung zu Jesus Gott auf Augenhöhe begegnen will. Denn dafür ist er Fleisch geworden.

Anmerkungen:

[1] Maria Rosenberg im Bistum Speyer, D-67714 Waldfischbach-Burgalben.
[2] Julia Enxing in ihrem Aufsatz „Grenzgänge. Theologie angesichts der Unverfügbarkeit Gottes“, 2019.
[3] Edith Stein in ihrem Buch „Die Frau. Fragestellungen und Reflexionen“. (Bei der mir vorliegenden digitalisierten Buchausgabe liegen keine bibliografischen Angaben und Seitenzahlen vor. Alle Zitate von Edith Stein stammen aus dem Kapitel 5, Absatz I.).
[4] Julia Enxing in ihrem Aufsatz „Grenzgänge. Theologie angesichts der Unverfügbarkeit Gottes“, 2019, S. 172.
[5] Joachim Kügler in seinem Aufsatz „Die Macht der Gnade. Bibeltheologische Randbemerkungen auf der Basis von Joh 20, 19–23“, 2005.

Jutta Weiß

***

Redaktioneller Hinweis: In Jobos Blog werden Gastbeiträge und -kommentare (Konformität mit Art. 5 Abs. 2 GG vorausgesetzt) auch dann veröffentlicht, wenn die darin geäußerte Meinung nicht (gänzlich) mit der des Blog-Betreibers übereinstimmt. Gerade dann. Das ist ja der Sinn der Sache. (Josef Bordat)