50 Jahre Woodstock

Es verstand sich von selbst, dass wir dieses Ereignis gebührend feierten: 50 Jahre „Woodstock“. Auch, wenn wir damals in Windeln lagen (oder – rein technisch gesprochen – noch nirgendwo), gehörte es sich wohl, dem epochalen Ereignis den obliegenden Respekt zu bekunden. Also kehrten wir die Terrasse, stellten den Kugelgrill auf und die Salate – nach Brennwert geordnet – auf die Buffet-Tische. Psychedelische Musik erfüllte den Gemeinschaftsgarten, deren Pflege in der Nachbarschaft territorial aufgeteilt wird, nachdem eine Grundbuchänderung den jahrelangen Rechtsstreit beendet hatte. Dr. Wallenborn-Schwiene (Seitenflügel, 2. OG rechts) hatte aus steuerlichen Gründen eine temporale Pflegeverpflichtung durchsetzen wollen, um die anfallenden Kosten im jeweiligen Kalenderjahr in voller Höhe geltend machen zu können, war aber an einer einstweiligen Verfügung meiner Frau gescheitert. Selbige stand blumenbekränzt auf der provisorischen Tanzfläche und lächelte. Wallenborn-Schwiene schob die Nickelsonnenbrille auf die Nasenspitze und sagte: „Hi!“. Friede lag über der Wohnanlage. Wie gut, dachte ich, dass die Restmüllcontainer hinter Bettlacken mit violetten Batik-Verzierungen verschwunden waren. Optisch. Frau Lehmann, die mich sonst nur anspricht, wenn mein Fahrrad im Weg steht (also: der Frau Lehmann im Weg steht), legt mir einen regenbogenfarbenen Seidenschal um den Nacken und zieht mich zum Tanz. Das folgende Gespräch dreht sich um die Hausflurreinigung. Rasch einigten wir uns darauf, die Firma zu wechseln. Per App (MeinHausMeinGartenMeinMehrheitsbeschluss) informierte Wallenborn-Schwiene („Könnt ruhig ‚Walli‘ sagen!“) die Verwaltung und versandt gleichzeitig einen Protokollvermerk zur Kenntnisnahme gemäß Vorlage an den Beirat, der diesen dann als außerordentlichen Beschluss nebst Abschrift archivierte. „Cool!“ Walli zwinkerte süffisant, Lehmann verdrehte die Augen. Meine Frau lächelte. Gegen 22 Uhr wurde die Musik abgestellt. Wegen der Nachbarn. Das rundum gelungene „Woodstock“-Revival wurde bei Lehmanns fortgesetzt, mit einem Spontanvortrag Herrn Lehmanns über Mülltrennung, das Abschließen der Eingangstür nach Einbruch der Dunkelheit (genaue Termine für 2020 bis 2024 in der Anlage) und neuen Abschreibungsmöglichkeiten in Bezug auf nur zeitweilig genutzte Einliegerwohnungen im Rahmen der geplanten Reform des Mietraumförderungsverhinderungsgesetzes. Schön, dass alle da waren. Außer diesem Studentenpärchen (BWL und Gender-Studies) aus dem Hochparterre. Also, eigentlich aus Bolivien und Ghana. Spießer.

(Josef Bordat)