Papst und Kaiser, Kirche und Staat. Bernhard von Clairvaux‘ Politische Theologie

Der heutige Tagesheilige, Bernhard von Clairvaux (1090-1153), ist vor allem als Gründer des Zisterzienserordens bekannt geworden, vielleicht auch noch durch seine Kreuzzugspredigten im Zusammenhang mit der Organisation des Zweiten Kreuzzugs, Predigten, die einerseits zum Kreuzzug motivierten, die andererseits dafür sorgten, dass Plünderungen und Ausschreitungen die Ausnahme blieben (im Gegensatz zum Ersten Kreuzzug). Was auch nicht ganz unwichtig ist: Bernhard von Clairvaux hat mit seiner Politischen Theologie das Verhältnis von Kirche und Staat (soweit man damals davon sprechen konnte) stabilisiert, das im Machtkampf zwischen Papst und Kaiser im Hochmittelalter sehr gelitten hatte.

Zwar hatte im Investiturstreit, in dem es eigentlich darum ging, wer Bischöfe und Äbte in ihr Amt einsetzen durfte, Papst Gregor VII. triumphiert und Kaiser Heinrich IV. musste im Büßerhemd den Gang nach Canossa antreten (1077), doch eine saubere Begründung entwickelte sich erst danach. Die Zwei-Gewalten-Lehre Papst Gelasius‘ I. aus dem 5. Jahrhundert basierte auf Gleichrangigkeit und Harmonie. Sie stellte die weltliche Herrschaft des Kaisers, das regnum, und die geistliche Herrschaft des Papstes, das sacerdotium, auf eine Ebene, symbolisiert durch zwei Schwerter: dem gladius materialis für die weltliche Gewalt und dem gladius spiritualis für die geistliche Gewalt. Dabei sind beide Herrschaftsformen Teil des einen Corpus Christi, wobei das regnum dem Körper und das sacerdotium der Seele entspricht. Im Ergebnis steht eine harmonische Koexistenz von Kirche und Staat.

Nun hatte es aber gekracht und eine neue, die Vormachtstellung des Papstes begründende Politische Theologie war gefragt. Bernhard von Clairvaux und Andere begründeten den Vorrang der geistlichen Gewalt theologisch, indem sie davon ausgingen, dass der Corpus Christi, also die Gesamtheit der Gläubigen, aus zwei Ständen besteht, dem des Klerus und dem der Laien. Wie die Kirche unter dem Haupt Christi stehe, so stehe nun jeder dieser Stände unter seinem Haupt, der Stand des Klerus unter dem Papst und der der Laien unter dem Kaiser. Beide Stände erfüllen die ihnen spezifisch obliegenden Aufgaben, wobei sie in ihrer Einheit in Christus von der Gewalt gelenkt werden sollen, die einen stärkeren Bezug zum Oberhaupt aller hat, also zu Christus. Daraus folgt der Primat der geistlichen Gewalt. Zumal diese früher da gewesen sei als die weltliche, da Gott zunächst das Priestertum und dann die Königsherrschaft eingeführt hatte und die Notwendigkeit weltlicher Herrschaft allein die Folge der Erbsünde sei, so dass es der Vermittlung, Segnung und Einsetzung durch die Kirche bedarf, damit weltliche Herrscher legitimiert sind. Bernhard von Clairvaux bemüht sich zudem, eine soteriologische Umdeutung des Zwei-Schwerter-Prinzips zugunsten des Papstes zu erwirken, indem er Lukas 22, 38 („Herr, hier sind zwei Schwerter.“ – „Genug davon!“) als Hinweis darauf deutet, der Kirche stünden beide Gewalten zu, die weltliche und die geistliche – nur dies sei „genug“.

Bernhards Position ist historisch. Und das ist auch gut so. Denn einige gelungene Beispiele hierokratischer Ordnung (etwa der „Jesuitenstaat“ in Paraguay), dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirche immer dann, wenn sie in die Rolle des weltlichen Regenten schlüpfte (im frühen Mittelalter tat sie dies gezwungenermaßen, weil es in Europa zu dieser Zeit keine andere Institution von Dauer gab), gezwungen war, nach den Regeln der Welt zu spielen, was bedeutet, in Krieg und Ausbeutung verwickelt zu werden und damit den Weg der Nachfolge Christi zu verlassen. Das bedeutet freilich nicht, dass die Kirche keine Beiträge zu einer guten Gesellschaft leisten kann. Sie muss es vielmehr, nämlich dort, wo sie – in der Nachfolge Christi stehend – den Staat in eine falsche Richtung gehen sieht.

(Josef Bordat)