Kopflos

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Die unbequeme Wahrheit hört niemand gern. Wer dazu noch in die Intimsphäre des Anderen eingreift, muss mit Widerstand rechnen, auch, wenn dieser Andere weder Gottes Gebot noch das Naturrecht achtet. Das ist kein neues Phänomen: Bereits im Matthäusevangelium lesen wir folgendes: „Herodes hatte nämlich Johannes festnehmen und in Ketten ins Gefängnis werfen lassen. Schuld daran war Herodias, die Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu Herodes gesagt: Du hattest nicht das Recht, sie zur Frau zu nehmen. Der König wollte ihn deswegen töten lassen“ (Kapitel 14, Verse 3 bis 5).

Johannes macht Herodes auf einen Naturrechtsgrundsatz aufmerksam, der durch das mosaische Gesetz explizite Normativität erlangt. Im Neunten Gebot Gottes heißt es: „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen.“ Genau das hatte Herodes getan: Nach der Frau seines Nächsten verlangt, ohne sich über Regeln den Kopf zu zerbrechen. Nach der Frau seines Bruders, gewissermaßen seines „Allernächsten“. Johannes der Täufer, der letzte der Propheten Christi, hatte ihn daraufhin zur Rede gestellt und seinen Akt der Selbstbestimmung mit dem ewigen Gottes- und Naturrecht konfrontiert.

Johannes macht Herodes auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam, die jedoch den Plänen des Königs quer liegt. Herodes argumentiert aber nicht etwa dagegen – er ist sich bewusst, dass es hier nichts zu argumentieren gibt –, sondern will Johannes – und damit sein Gewissen, das ihn in gleicher Weise informiert wie der Prophet – zum Schweigen bringen. Herodias überführt den Wunsch ihres Mannes in einen festen Willen: Johannes soll sterben. Dann – so meint Herodias – sei das Problem aus der Welt. Schließlich ergibt sich – recht bizarr – die Gelegenheit (nachzulesen im Evangelium nach Markus, Kapitel 6, Verse 17 bis 29). Schließlich lässt der völlig kopflos gewordene, in eigenes Unrecht und die Erwartungen seines Umfelds verstrickte Herodes Johannes enthaupten. Dieses Vorgangs gedenkt die Katholische Kirche heute.

(Josef Bordat)