Engel

Der September gilt im Katholizismus traditionell als „Engelmonat“, was daran liegt, dass die Kirche das Fest der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael am 29. September feiert. In einigen Gemeinden wird daher an den Dienstagen im September („Engeltage“) die Votivmesse für die Engel gelesen. Am ersten Dienstag des September eine Abhandlung über Engel, die auf dem gleichnamigen Kapitel aus dem Buch Von Ablaßhandel bis Zölibat: Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche basiert.

Nicht nur in vielen Religionen, auch in der Populärkultur spielen Engel eine wichtige Rolle. Drei Engel für Charlie, die „gelben Engel“ eines deutschen Automobilclubs, Send me an Angel oder auch – wer es noch kennt – Hubert Kahs Engel 07: „Jemand nahm den Kontakt auf / Engel 07 / in mir kam ein Verdacht auf / ist sie ein himmlischer Spion?“ Engel sind allgegenwärtig. Und: Engel haben Konjunktur. Der Engelglaube ist hierzulande (im aufgeklärten, modernen Deutschland) weiter verbreitet als der Gottesglaube. Eine Forsa-Umfrage für das Magazin Geo aus dem Jahr 2005 ergab, daß 66 Prozent der Deutschen an die Existenz ihres Schutzengels, aber nur 64 Prozent an die Existenz Gottes glauben. Das ist aus katholischer Sicht Unsinn, da Engel im biblisch-christlichen Kontext nur in bezug auf Gott vorkommen. Schon in den Namen der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael steckt „Gott“ drin, hebräisch „el“. Micha-el bedeutet „Wer ist wie Gott?“, Gabri-el „Meine Kraft ist Gott“ und Rapha-el „Gott heilt“.

Engel sind Gottes Boten; das deutsche Wort „Engel“ kommt vom griechischen angelos (latinisiert angelus), was eine Übersetzung des hebräischen malach ist, das schlicht „Bote“ bedeutet. Sie sind zudem Seine Mahner und Seine Streiter. Sie sind von Ihm gesandte Beschützer und Begleiter. Schließlich sind sie Taktgeber für den Lobpreis Gottes. Als himmlische Heerscharen stimmen die Cherubim und Serafim im Alten Bund das Sanctus an, in das die Gläubigen bei jeder Feier des Neuen Bundes einstimmen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt“ (Jes 6, 3). Damit feiert die Kirche in jeder Heiligen Messe die Einheit des Himmels und der Erde in der Verehrung Gottes. Engel sind, und das ist entscheidend, in ihrer vielfältigen Funktion abhängig von Gott. Anders gesagt: Ohne Gott keine Engel, ohne Schöpfer keine Geschöpfe. Mindestens zwei Prozent der Deutschen sehen das anders.

Der populär-esoterische Engelglaube blüht. Wenn wir also im Zusammenhang mit Engeln überhaupt von „überwundenem Glauben“ sprechen wollen, dann im Rahmen der theologischen Auseinandersetzung und im interkonfessionellen Vergleich. Dazu ist die Bedeutung der Engel für das Christentum zu klären, wie ihn Schrift und Tradition sehen. In diesem Zusammenhang sind vor allem folgende Fragen zu klären: Warum hält die Katholische Kirche an Engeln fest, betont ihre Rolle in jeder Heiligen Messe? Warum feiert sie die Erzengel und die Schutzengel? Warum und wo setzt sie aber auch Grenzen beim Engelglauben? Das sind die Fragen, die uns hier beschäftigen sollen.

Engel sind im Christentum kein entscheidender Bestandteil des Glaubensguts. Man kann an den dreifaltigen Gott glauben, ohne zugleich an Engel glauben zu müssen; umgekehrt ist das – wie gesagt – theologisch stringent nicht möglich. Martin Luther sah sie – wie die Heiligen – kritisch: „Es ist unser Grundsatz, daß Gottes Wort allein Glaubensartikel aufstellt und sonst niemand, auch kein Engel vom Himmel“ (Schmalkaldische Artikel II, 2, 15). Engel kommen zudem nicht im Glaubensbekenntnis vor, weder im Nicäno-Konstantinopolitanum noch im Apostolicum.

Dennoch: Es gibt mannigfache biblische Grundlagen, den Engeln einen wichtigen Platz im christlichen Glauben zuzuweisen, ohne den Engelglauben zu verselbständigen, das ist immer schlecht, auch bei Maria oder im Personenkult um einzelne Heilige. Das Große Glaubensbekenntnis spricht zwar nicht explizit von Engeln, aber immerhin von der Schöpfung einer „unsichtbaren Welt“. Als deren Bewohner gelten die Engel, Geistwesen, von Gott erschaffen wie Menschen, Tiere und Pflanzen, aber eben nicht als Teil der sichtbaren, sondern einer unsichtbaren Sphäre des Seienden.

Aus dieser wirken sie – immer im Auftrag und unter der Weisung Gottes – in die sichtbare Welt hinein. Die Bibel gibt davon beredt Zeugnis. Wer das Wort „Engel“ in einer Online-Ausgabe der Einheitsübersetzung sucht, erhält 305 Treffer. An den entsprechenden Stellen erscheinen Engel als Wächter des Paradieses (vgl. Gen 3, 24), als Verkünder des göttlichen Gesetzes (vgl. Apg 7, 52-53), als Vollstrecker der Urteilssprüche Gottes (vgl. 2 Mose 12, 23; 1 Makk 7, 41; Apg 12, 23; Offb 15, 6), als Kämpfer gegen böse Mächte (vgl. Offb 12, 1-17), als Bewahrer vor Fehldeutungen göttlicher Weisungen (vgl. Gen 22, 10-11), als Beschützer und Retter von Gott auserwählter Menschen, die bedroht (vgl. Gen 19, 1-11) oder zu Unrecht bestraft werden (vgl. Dan 3, 49-50), als Mutmacher (vgl. Ri 6, 11-12), als Überbringer überraschender positiver Neuigkeiten (vgl. Ri 13, 2-3) und nicht zuletzt als Helfer Jesu Christi (vgl. Mt 13, 41; Mt 16, 27; Mk 8, 38).

Ohnehin begleiten Engel das Leben und Wirken des Gottessohns auf Erden vom Anfang bis zum Ende. Zentral ist die Rolle Gabriels, eines der drei Haupt- oder Erzengel, bei der Verkündigung an Maria, daß sie den Sohn Gottes zur Welt bringen werde (vgl. Mt 1; Lk 1); die Kirche erinnert mit dem Angelus-Gebet daran, täglich um 12 Uhr mittags. Zur Geburt Christi erscheint „ein großes himmlisches Heer“ (Lk 2, 13), das zum Lobpreis Gottes die berühmten Worte spricht: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Engel dienen Jesus nach dessen Zeit in der Wüste, gleich nach den (vergeblichen) Anläufen des Teufels, den Herrn in Versuchung zu führen (vgl. Mk 1, 13; Mt 4, 11). Ein Engel stärkt Jesus in der Stunde tiefster Anfechtung im Garten Gethsemane (vgl. Lk 22, 43). Dann sind es Engel, die den Stein des Grabes wegrollen und den am leeren Grab trauernden und verängstigten Frauen die Auferstehung Jesu verkünden (vgl. Mt 28, 2-5). Engel sind es auch, die Christi Himmelfahrt deuten und die Wiederkunft des Herrn ankündigen (vgl. Apg 1, 10-11). Und schließlich werden sie Christus dabei begleiten (vgl. Mt 25, 31).

Die katholische Theologie hat auf der Basis der biblischen Überlieferung neun Kategorien von Engeln definiert, sogenannte „Engel-Chöre“: die Seraphim, die Cherubim und die Throne, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten sowie die Mächte, die Erzengel und die einfachen Engel. Bereits die Patristik, namentlich Augustinus und Gregor der Große, hat diese Einteilung vorgenommen. Die Seraphim sind die in Liebe zu Gott Entflammten (vgl. Jes 6, 1-7), die Cherubim wachen über das Heilige (vgl. Gen 3, 24), die Throne dienen am Thron Gottes (vgl. Kol 1, 16). Die zweite Gruppe, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten, übernehmen als Verwalter Gottes all das, was mit der Natur in Verbindung steht (vgl. Kol 1, 16). Der dritte Chor, die Mächte, Erzengel und Engel dienen dem Menschen nach Gottes Willen (vgl. Ex 23, 20-22).

Engel – nach biblischer Überlieferung von großer, unüberschaubarer Zahl, „Myriaden“ (Hebr 12, 22 – Elberfelder Bibel) oder „zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend“ (Off 5, 11), und dennoch individuell und einzigartig – sind dabei den Menschen an Gnade (vgl. 18, 10) und Stärke (vgl. 2 Petr 2, 10b) überlegen, sie sind als Geistwesen zudem bereits unsterblich geschaffen (vgl. Lk 20, 36), sie sind, so könnte man vielleicht sagen, „näher dran“ am Schöpfer, an Gott. Sie sind aber Geschöpfe wie wir. Und sie sind für uns da. Sie tragen uns durchs Leben, wie es der Psalmist ausdrückt: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91, 11-12). Sie unterstützen lebensmüde Propheten (vgl. 1 Kön 19) oder solche, die in argen Schwierigkeiten stecken (vgl. Dan 6), ebenso die Apostel Petrus und Paulus – jenen in der Gefangenschaft (vgl. Apg 12, 7), diesen in Seenot (vgl. Apg 27, 23). Von daher kann man verstehen oder zumindest nachvollziehen, daß auch menschliche Helfer in der Not gerne als „Engel“ bezeichnet werden, auch in einer säkularen Gesellschaft, die von Gott nichts wissen will.

Ebenso kann man verstehen, daß die Katholische Kirche an den Engeln festhält. Die Kirche hat sich immer zur Existenz von Engeln bekannt. Auf dem Vierten Laterankonzil (1215) stellt die Kirche in einer Definition gegen die Albigenser und Katharer klar, daß der dreifaltige Gott „der Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, des Geistigen und des Körperlichen (ist): er schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht“ (Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen. Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Freiburg i. Br. 2014, S. 800). Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870-1871) wurde diese Aussage noch einmal bekräftigt. Auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) bekennt sich zur Existenz von Engeln. In Gaudium et spes, der „Pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“, wird unter Nr. 19 der Psalmist zitiert, der die Stellung des Menschen wie folgt beschreibt: „Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst? Oder des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Wenig geringer als Engel hast du ihn gemacht, mit Ehre und Herrlichkeit ihn gekrönt und ihn über die Werke deiner Hände gesetzt. Alles hast du ihm unter die Füße gelegt“ (Ps 8, 5-7). In Lumen Gentium, der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“, heißt es zunächst eher beiläufig unter Hinweis auf Mt 25, 31: „Bis also der Herr kommt in seiner Majestät und alle Engel mit ihm“ (Nr. 49), um dann nachzulegen: „Daß aber die Apostel und Märtyrer Christi, die mit ihrem Blut das höchste Zeugnis des Glaubens und der Liebe gegeben hatten, in Christus in besonderer Weise mit uns verbunden seien, hat die Kirche immer geglaubt, sie hat sie zugleich mit der seligen Jungfrau Maria und den heiligen Engeln mit besonderer Andacht verehrt“ (Nr. 50). Die Botschaft des Engels an Maria wird zweimal aufgegriffen (Nr. 53 und Nr. 56). Der Katechismus der Katholischen Kirche bekräftigt die Glaubenswahrheit der Existenz von Engeln: „Daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich Engel genannt werden, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die Einmütigkeit der Überlieferung“ (Nr. 328).

Schließlich kann man von daher verstehen, warum Engel in der Katholischen Kirche eine besondere Verehrung erfahren. Das Erzengelfest, das die ehemals (vor der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils) auf das Jahr verteilten Feste der drei Erzengel Gabriel, Michael und Raphael am Michaelistag (29. September) bündelt, soll uns an die Bedeutung der Engel erinnern. Und – wie bereits erwähnt – in jeder Heiligen Messe gedenken wir der Engel, wenn wir das Schuldbekenntnis sprechen („Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen und euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn“) oder wenn der Zelebrant die Gemeinde einlädt, in den Lobgesang der Engel einzustimmen: „Heilig, heilig, heilig“.

Es steht außer Frage, wer hiermit gemeint ist – nicht die Engel selbst, sondern der, den sie lobpreisen: Gott. Die Verehrung der und der Glaube an Engel kann den Glauben an den dreieinigen und dreifaltigen Gott nicht ersetzen. Auch hier steht die katholische Theologie in biblischer Tradition: Schon Paulus warnt in seinem Brief an die Hebräer vor einer übertriebenen und im Ergebnis falschen Wertschätzung der Engel, vor einer Verehrung, die stattdessen Jesus Christus allein gebührt (vgl. Hebr 1, 4-6). Und nicht zuletzt die Engel selbst lehnen einen Kult um ihr Wirken ab, soweit er vom Urheber der Botschaft oder des Urteils, der Gnade oder der Strafe ablenkt: von Gott. Denn sie verehren Gott, nicht sich selbst. „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen“ (Mt 4, 10). Das ist Leitlinie unseres christlichen Glaubens – bei aller Verehrung derer, die ihrerseits das Gebet und den Dienst in besonderer Weise leben, seien es Engel oder Menschen.

Bleibt die Frage: Woran erkennt man Engel, wenn sie als Vertreter der „unsichtbaren Welt“ für uns sinnlich nicht erfahrbar sind? Eben nicht an ihrem Dasein, sondern an dessen Folgen, nicht an den Flügeln, sondern an den Taten. An ihrem Wirken für uns, denn, so Basilius der Große: „Jedem Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen.“ Entscheidend ist, daß wir das Wirken der Engel zulassen. Der große Heilige Johannes Don Bosco sagte einmal: „Der Wunsch unseres Schutzengels, uns zu helfen, ist weit größer als der, den wir haben, uns von ihm helfen zu lassen.“ Es braucht Demut, sich die Schwäche einzugestehen, die ein Engel auszugleichen vermag. Also: Geben wir Engeln eine Chance! Um die „geflügelte Jahresendfigur“, wie die DDR den Weihnachtsengel im Jargon sozialistischer Korrektheit nannte – um die geht es dabei nicht, sondern um ganzjährig wirksame Boten und Diener Gottes und des Menschen. Mit und ohne Flügel.

(Josef Bordat)