Autonomie statt Autoritarismus

Der Preis der Freiheit, die Lorenz Marti vorschwebt, wenn er über Religion und Spiritualität spricht, könnte sich als zu hoch erweisen.

Drin oder draußen? Das war über Jahrhunderte die einzige Frage, wenn es um die Stellungen des Individuums zu Religionsgemeinschaften ging. Entweder man war in der Kirche – dann lebte man nach ihren Regeln (versuchte es zumindest). Oder man war es eben nicht, weil man einer anderen Religionsgemeinschaft angehörte oder gar kein Bekenntnis hatte. Die spirituelle Welt war schwarz und weiß. Mehr oder weniger großflächige und homogene religiöse und kulturelle Einheiten bestimmten den Alltag der Menschen.

Heute ist das anders. Die liquide Lebensform erreicht die Religionsgemeinschaften, die Projektkultur der Unverbindlichkeit macht dabei gerade ihnen zu schaffen, je mehr, desto enger die Bindung des Einzelnen an die Gemeinschaft traditionell vorgesehen ist. Die „Großen Kirchen“ können ein Lied davon singen. Zugleich ist der Mensch unstillbar spirituell. Er fragt unverändert nach dem Sinn des Ganzes, in dem er sich täglich müht und plagt. Nur: Die Antworten sind heute andere. Die frei gewählte Komposition philosophischer, kultureller und religiöser Elemente der Sinnvermittlung tritt an die Stelle der konfessionell geprägten Überzeugung von Erlösung und Heil.

Gibt es nun zwischen diesen Sphären keine Vermittlungsmöglichkeit? Einer, der auszog, diese zu finden, ist der Schweizer Autor Lorenz Marti. In seinem neuen Buch „Türen auf! Spiritualität für freie Geister“, erschienen im Herder-Verlag, zeigt er Wege spiritueller Selbstbestimmung unter selektiver Nutzung traditioneller religiöser Ressourcen. „Inspiration: Ja! Indoktrination: Nein!“ – so könnte man das Programm dieser individualisierten Reformation 2.0 kurz zusammenfassen. Der Mensch soll seinen spirituellen Lebensbaum auf den fruchtbaren Teil des Bodens der Vergangenheit pflanzen und gegenwärtig in Freiheit und Gelassenheit erfahren, wie er besser gedeiht denn je zuvor, um in Zukunft die reichen Früchte geistig-geistlicher Selbsterfahrung ernten zu können.

Marti ordnet diese Erfahrung „jenseits von Konvention und Konfession“ unter neun Begriffe: Aufbruch, Freiheit, Sinn, Vertrauen, Verbundenheit, Gelassenheit, Wahrheit, Offenheit, Zuversicht. Innerhalb dieser Struktur entfaltet er jeweils fünf, sechs Gedanken zum Thema – mal erhellend, mal pseudo-mystisch mit Tendenz zur Banalität („Ein Christ? Kein Christ? Ich bin beides und nichts von beidem. Ich bin ich.“), mal lehrreich, mal belehrend. Immer mit dem Ziel, der Leserin, dem Leser zu zeigen, dass sie oder er schon auf dem richtigen Weg ist, wenn und soweit dieser nur weit genug vom starren, etablierten Sinngebäude religiöser Modelle und Vorstellungen wegführt.

Aus der Weisheit und der Wahrheit des Alten neue Mut und neue Kraft für ein freies, selbstbestimmtes Glaubensleben („Glaube“ im weitesten Sinne) zu entwickeln – das ist sicher eine attraktive Verheißung. Allein die Frage, wie viel man denn „retten“ darf, soll, ja: muss, von religiösem Ritus und dogmatischer Definition, um spirituell nicht vollends abzuflachen und sich damit selbst in die Beliebigkeit zu entlassen, bleibt bei diesem „Versuch“ Martis bezeichnenderweise offen. Das jedoch ist gerade das Problem, auf das man stößt, wenn man wirklich zu einer tragfähigen, ernst gemeinten Autonomie in Letzten Fragen kommen will: Ernsthaftigkeit braucht Überzeugung, Überzeugung braucht Geltungskraft und Geltungskraft braucht Wahrheit. Sich von dieser programmatisch, ja geradezu euphorisch zu verabschieden in Richtung der „Wolke des Nichtwissens“, birgt das Risiko eines unwiederbringlichen Verlusts an Glaubens- und Wissensgut, der nicht durch ein „Mehr“ an spirituellem Selbstbewusstsein ersetzt werden kann.

Der Mut zum Aufbruch in die Zukunft speist sich aus der Vergangenheit. Soviel ist klar. Wie viel und welche Vergangenheit es braucht, ist hingegen alles andere als eindeutig, jedenfalls nicht so feststellbar, wie Lorenz Marti das streckenweise suggeriert, wenn er – immer so, als gäbe es dazu nichts weiter zu sagen – ziemlich schroffe Grenzziehungen vornimmt: zwischen Freiheit und Form, zwischen autoritärer und „humanistischer“ Religion, zwischen religiöser und nicht-religiöser Spiritualität. Man wird einwenden können, dass auch traditionsverbundene katholische Gemeinschaften ihre spirituelle Attraktivität haben, gerade auch in ihrer Verbindlichkeit, gerade auch für junge Menschen, gerade auch in Gegenden und Milieus, in denen der Religion traditionell kein besonders fruchtbarer Boden bereitet ist. Es lässt sich ferner zeigen, dass evangelische freikirchliche Gemeinden weniger deswegen großen Zulauf erfahren, weil sie „frei“ sind, sondern weil sie theologisch konservativer sind als die an die EKD „gebundenen“ Landeskirchen. Spirituelle Sinnerfahrung in enger Bindung an Tradition und Konvention kann also nicht a priori ausgeschlossen werden. Das bedeutet: Spiritualität braucht einen breiteren Zugang als das wohlfeile Programm, das Marti bietet, ein bemühter Ansatz zwar, der sich jedoch zu sehr im Abschütteln des manchmal sperrigen oder gar störenden Glaubensschatzes erschöpft, der eben nicht einfach „weg“ kann, wo er die Selbstentfaltung hemmt. Diese Hemmung kann auch Gründe haben, nach denen gesucht werden muss. Auch das kann zur spirituellen Erfahrung beitragen.

Ein echtes „Bonbon“ des Buches ist das Verzeichnis der „Weggefährten“, unter denen sich so unterschiedliche Köpfe befinden wie Robert Spaemann und Rainer Maria Rilke, Bertrand Russell und Friedrich Nietzsche, Meister Eckhart und Ludwig Wittgenstein. Das macht Lust auf vertiefende Lektüre. Insgesamt passt Lorenz Martis „Entwurf“ gut in die aktuelle Debatte zur Zukunft der Kirche bzw. zur Kirche der Zukunft. Allein: Seine Ansätze sind genau zu prüfen. Ernst nehmen sollte die Kirche jedoch den Willen vieler Menschen, auch vieler Katholiken, zu einem „Mehr“ an spiritueller Selbstbestimmung zu gelangen. Man sollte beim „Türen öffnen“ jedoch vorsichtig sein und klein anfangen. Es muss nicht gleich das Portal des Petersdoms sein.

Bibliographische Angaben:

Lorenz Marti: Türen auf! Spiritualität für freie Geister.
Freiburg i. Br.: Herder-Verlag (2019).
192 Seiten, 18 €.
ISBN-13: 978-3-451-38941-2.

(Josef Bordat)