Das war Doha

Ich erinnere mich noch gut an das Sportjahr 1996: Jan Ulrich wurde Zweiter bei der Tour de France – nur knapp hinter seinem Kapitän Bjarne Riis. Und wenige Tage später gewann Frank Busemann in Atlanta olympisches Silber im Zehnkampf. Zwei Überraschungen, zwei junge, hoffnungsvolle deutsche Sportler. Fast ein Vierteljahrhundert und damit eine Generation später gibt es mit Emanuel Buchmann und Niklas Kaul eine ähnliche Konstellation: Buchmann wurde Vierter bei der Tour und Kaul Zehnkampf-Weltmeister. Wieder zwei junge, hoffnungsvolle deutsche Sportler.

Zu hoffen bleibt, dass beiden das Schicksal ihrer Vorgänger erspart bleibt. Busemann wurde 1997 bei der WM noch einmal Dritter, danach warfen ihn Verletzungen immer wieder zurück. Bei den Spielen in Sydney (2000) belegte er den siebten Platz, danach war Schluss. Und die Geschichte von Jan Ulrich kennen Sie: Nach dem Toursieg 1997 und Olympia-Gold in Sydney machte er vor allem durch sein bewegtes Privatleben auf sich aufmerksam. Und durch Doping.

Doch bei Buchmann und Kaul gibt es allen Grund, ein gutes Gefühl zu haben. Im Radsport hat sich einiges geändert und auch die neuen Stars sind charakterlich für eine lange, erfolgreiche Karriere prädestiniert: Nicht nur Talent zeichnet sie aus, sondern auch eine gesunde Selbsteinschätzung und ein gezieltes Haushalten mit den eigenen Kräften. Bodenständig und bescheiden treten sie auf, benennen nüchtern Stärken und Schwächen, lassen sich durch den Rummel nicht aus der Ruhe bringen.

Die Leichtathletik-WM in Doha war insgesamt sehr ambivalent. So, wie vielleicht das ganze Land Katar von Gegensätzen lebt, wie dem zwischen unvorstellbarem Reichtum weniger und der Armut hunderttausender Arbeitssklaven. Die Wettbewerbe fanden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt (selbst die sytematische Ausgabe von Freikarten konnte das Stadion nicht füllen), brachten in durchweg hervorragendem Niveau aber einige Höchstleistungen – bei bester Unterhaltung Dank spektakulärer Lasershows bei ausgesuchten Wettbewerben auf der Bahn.

Diese Showelemente könnten durchaus noch häufiger das Programm bereichern und auch auf die technischen Disziplinen ausgeweitet werden, weil dort ebenfalls hochklassiger Sport geboten wird. Das Kugelstoßfinale war für mich ein, wenn nicht sogar das Highlight der WM. Mit 22,91m, 22,90m und 22,90m gingen die Medaillen weg – drei Leistungen in Weltrekordnähe. Der Zweifel stößt mit. Klar. Doch es ist auch die technische Entwicklung in einer Disziplin, die nicht unbedingt zu den publikumswirksamsten zählt. Man muss schon genau hinsehen, um die feinen Unterschiede zu sehen.

Bei anderen feinen Unterschieden gibt es hingegen keine Entwicklung in der Leichtathletik. Die IAAF hält fest an der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen – für Intersexuelle ist da kein Platz. Vielleicht sollte man über eine Art Handicap nachdenken und Intersexuelle nach der Gunnarson-Methode starten lassen oder die genetischen Vorteile anders ausgleichen. Vielleicht eine Schnapsidee, aber immer noch besser, als Angst vor der schwarzen Frau zu haben, die laufen will.

Mit Sicherheit eine Schnapsidee: die Startblockkamera. Dem Zuschauer immer tiefere Einblicke zu gewähren und damit die Illusion echter Teilhabe zu vermittelt, ist eine Fehlentwicklung, die hart an der gebotenen Achtung vor der Würde des Sportlers kratzt. Und der Sportlerin. Und letztlich auch der Zuschauer. Transparenz ist an anderer Stelle nötig.

(Josef Bordat)

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