Gewalt und Sprache

Der ARD-Terrorismusexperte Georg Mascolo analysiert vor dem Hintergrund des rechtsextremistischen Terroranschlags von Halle den Zusammenhang von Gewalt und Sprache. Seine These: „Gewalt aber beginnt mit gewalttätiger Sprache. Tausende hetzen, bis einer schließlich abdrückt“. Gewalttätige Sprache. In der Tat: Sprache kann gewaltsam sein.

Der Friedensforscher Johann Galtung unterscheidet aus soziologischer Sicht drei Erscheinungsformen der Gewalt: die direkte, die sich als physische unschwer identifizieren lässt, die strukturelle, die auf bestehenden Machtverhältnissen basiert, und die kulturelle, welche die direkte und strukturelle erst ermöglicht.

Gewalt in der Sprache ist als symbolische Gewalt teils der Struktur, teils der Kultur zuzuweisen. Sie muss in Abgrenzung von jener körperlichen Gewalt gedeutet werden, mit der sie eine unheilvolle Allianz eingeht, wenn etwa Terrorakte zuvor milieuimmanent durch systematische und andauernde Degradierung der Opfer vorbereitet werden.

Umgekehrt wird die tiefe kulturelle Verletzung durch symbolische Gewalt zunehmend mit physischer Gewalt beantwortet (man denke an die Reaktionen auf die so genannten „Mohammed-Karikaturen“). Hier bereitet Sprache (oder eben visueller Text in Bildform, also Bild- und Zeichensprache) den Terror vor, indem er diesen provoziert.

Es ist eine differenzierte Klärung des Gewaltbegriffs nötig, um die Rechtfertigungsrhetorik, die sich in missbräuchlicher Weise des weiten Gewaltkonzepts von Galtung bedient, argumentativ in die Schranken zu weisen: Keine noch so dämliche und/oder bösartige Beleidigung von Menschen und Menschengruppen rechtfertigt physische Gewalt, weder affirmativ (gegen die Beleidigten) noch vergeltend (gegen die Beleidiger).

Zugleich muss die normative Achtung vor dem Anderen (durch die Bestrafung von physischen Gewaltakten) um das Bewusstsein dafür ergänzt werden, dass man diesem auch strukturell und kulturell Gewalt antun kann, etwa symbolisch. Es muss ein Klima der Achtsamkeit entstehen, das für die verletzende Form von Sprache sensibel bleibt. Oder es wieder wird.

(Josef Bordat)