Was bleibt von XR in Berlin?

Ein Gastbeitrag von Dr. Benno Kirsch (Politologe, Berlin).

Am Montag nach der großen Aktionswoche hat sich das Camp deutlich geleert – viele der Teilnehmer sind abgereist. „Extinction Rebellion“ (XR) hatte seinen großen Auftritt in Berlin; das Medienecho war immens. Jetzt halten nur noch ein paar Unentwegte die Stellung. Sie sitzen auf Campingstühlen im Gras und genießen die milde Oktobersonne. Im Hintergrund steht unberührt von dem ganzen Treiben das Bundeskanzleramt, auf der anderen Seite des Platzes der Republik der Reichstag. Es wird aufgeräumt.

Am 11. Oktober 2019 demonstrierten Mitglieder der Bewegung „Extinction Rebellion“ am Brandenburger Tor in Berlin. Sie forderten die Politik zum sofortigen radikalen Handeln auf, um das durch den Klimawandel gefährdete Überleben der Menschheit zu sichern. Foto: Benno Kirsch.

Eine Woche lang haben die „Aktivisten“ von XR in Berlin für Schlagzeilen gesorgt, weil sie wichtige Straßenkreuzungen und Brücken blockiert haben. Zuerst war der Große Stern an der Reihe, womit die wichtige West-Ost-Verbindung, die Bundesstraße 2, „dicht“ war. Dann kam die Marschallbrücke dran, ganz nah am Regierungsviertel gelegen, wo tausende Mitarbeiter des Bundestages täglich vorbeikommen. Und schließlich waren es noch ein paar Straßen und kleinere Aktionen mehr.

Die Reaktionen auf die angekündigten Aktionen fielen moderat aus. Die Polizei ließ die Störer auf geheiß des Innensenators weitgehend gewähren. Vielleicht spielte eine Rolle, dass XR die Teilnehmer immer wieder eindringlich darauf hinwies, dass alles – vom Aspekt der Nötigung und anderer Delikte abgesehen, wie ein paar Kritiker anmerkten – gewaltfrei bleiben müsse und die Polizei nicht als Feind anzusehen sei. Im Camp am Kanzleramt gab es Schulungen in „gewaltfreier Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg. Am Ende sah jede Aktion aus wie ein etwas ungewöhnliches Straßenfest, die Toleranz von Behörden und Bevölkerung schien grenzenlos.

Am 11. Oktober 2019 demonstrierten Mitglieder der Bewegung „Extinction Rebellion“ am Brandenburger Tor in Berlin. Sie forderten die Politik zum sofortigen radikalen Handeln auf, um das durch den Klimawandel gefährdete Überleben der Menschheit zu sichern. Foto: Benno Kirsch.

Das Erscheinungsbild der Kampagne #berlinblockieren stand in einem merkwürdigen Gegensatz zum Anlass. Bereits der Name der Bewegung, der mit „Rebellion gegen das Aussterben“ übersetzt werden kann, deutet ja darauf hin, dass es ums Ganze geht: Nach dem Gründer Roger Hallam ist die gesamte Menschheit von der Auslöschung durch den Klimawandel bedroht. Ihm zufolge ist es höchste Zeit, die Regierungen zum Handeln zu bewegen. Dazu soll eine kritische Masse von 3,5 Prozent der Bevölkerung mobilisiert werden, die die nötigen Kursänderungen erzwingt.

Die Diskrepanz zwischen dem von XR und den vor Ort anwesenden Teilnehmern behaupteten Ziel und der weitgehenden Folgenlosigkeit ihrer Aktionen hat linksradikale Beobachter wie Jutta Ditfurth zu harscher Kritik veranlasst. Sie warnte sogar davor, an den Aktionen teilzunehmen, weil es sich um eine Art Sekte handele – eine plausible Kritik, denn XR hat mit „Fridays for Future“ oder „Ende Gelände“ eigentlich nur die Form gemeinsam. XR sei eine „religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte“ und „schürt Emotionen, die den Verstand vernebeln“.

Ditfurths Analsyse ist richtig, sie muss bloß um den Hinweis ergänzt werden, dass XR unter einem eklatanten Theoriedefizit leidet. Das disqualifiziert XR nicht nur, eine linke Bewegung zu sein, sondern das ermöglicht auch eine Kritik aus nicht-linker Sicht. Die bombastische Warnung von XR vor dem „Aussterben“ der Menschheit durch den Klimawandel wird eigentlich nicht unterfüttert. Auch wer nicht vom Fach ist, sieht eigentlich auf den ersten Blick, dass das Nonsense ist, eine maßlose Übertreibung. Zwar gaben sich auf dem Camp am Kanzleramt auch „echte“ Wissenschaftler die Ehre, die ihre Mahnungen zum Besten gaben, aber das ändert nichts daran, dass die XR-Botschaft verpuffen muss, weil sie so abstrus ist.

Am 11. Oktober 2019 demonstrierten Mitglieder der Bewegung „Extinction Rebellion“ am Brandenburger Tor in Berlin. Sie forderten die Politik zum sofortigen radikalen Handeln auf, um das durch den Klimawandel gefährdete Überleben der Menschheit zu sichern. Foto: Benno Kirsch.

Allerdings kommt die Botschaft, die übrigens mit der naiven Forderung einhergeht, auf „die Wissenschaft“ zu hören, auch von einem Menschen, der erkennbar psychische Probleme hat. Auch eine deutsche Repräsentantin machte in einer Diskussionsrunde im Fernsehen nicht den Eindruck, als stehe sie fest im Leben. Ist es ungerecht, so etwas zu schreiben? Vielleicht. Aber was soll man von einer Bewegung oder Organisation halten, deren Führungsfiguren erkennbar ihren Hader mit der Gegenwart in eine – zumindest dem Anspruch nach – politische Form gießen und dadurch Einfluss zu nehmen versuchen? Wenn die Quelle trübe ist, kann der Fluss nicht sauber sein.

XR ist also keine linke Bewegung. Und sie kennt keine Theorie. Darüber hinaus folgt sie einer Figur, die erklärtermaßen Probleme hat („I am so fucked up … I am so fucked up …“). Dass man gewaltfrei bleiben möchte, sich nicht im Links-Rechts-Schema festlegen will und die Polizei nicht als Gegner ansieht, wird man nicht kritisieren wollen. Aber die Frage, ob man XR noch politisch für voll nehmen sollte, drängt sich auf. Die naheliegende Antwort lautet: nein. XR eine religiöse Sekte zu nennen, ist zwar hart, kommt der Sache aber ziemlich nahe. XR steht in der Tradition des unpolitischen Bürgertums, das seit der Industrialisierung immer wieder auszubrechen versuchte, um „zurück zur Natur“ zu gelangen. In Deutschland war das die Lebensreform (insbesondere der Vegetarismus) des Fin de siécle mit seiner manichäischen Weltsicht und der Verführbarkeit für faschistisches Denken. Interessant zu sehen, wie sich die modernen Gnostiker plötzlich als quicklebendig erweisen.

Benno Kirsch

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