Geschichte des Mülls

Man kann die Sozialgeschichte der Moderne unter verschiedenen Aspekten betrachten. Man kann den Wandel der Arbeits- und Produktionsbedingungen untersuchen (ein sehr häufiger Forschungsansatz), man kann wissenschaftlich-technische Innovationen als Triebkräfte sozioökonomischer Veränderung in den Mittelpunkt stellen oder man kann die moderne Gesellschaft von ihrem Ende her anschauen: vom Konsum und dem dabei entstehenden Müll her.

Jemand, der diesen Ansatz gewählt hat, ist der Historiker Wolfgang König, lange Jahre an der TU Berlin Professor für Technikgeschichte. In seinem Buch „Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft“ beschreibt er den Weg der Moderne in die Kultur des Konsums. Sein neustes Buch setzt daran an. Es hätte gut und gerne „Kleine Geschichte des Mülls“ heißen können, erschienen ist es unter dem Titel „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“, Untertitel: „Die Kehrseite des Konsums“.

In der Tat: Einwegartikel, das Vernichten von Nahrungsmitteln, die Tatsache, dass gebrauchsfähige, aber eben nicht mehr modische oder „hippe“ Artikel im Müll landen – all das ist die Kehrseite unserer Konsumgesellschaft. Für die Umwelt hat das dramatische Auswirkungen. König stellt diese ausführlich und kompetent dar. Dass die Menge an Müll der Privathaushalte im 20. Jahrhundert immer weiter zunahm, aber auch, dass sich die Recycling-Bemühungen seit den 1970er Jahren durchaus positiv auf das Müllvolumen auswirken.

König gibt aber nicht nur Informationen zum Müllproblem, er erklärt auch, wie es zum Paradigma des Wegwerfens und Verschwendens kommen konnte und stellt Lösungen vor, die ein Zurück zur Weiternutzung, zum Teilen und zum achtsamen Umgang mit den Dingen ermöglichen. Es sind gangbare Wege zur Nachhaltigkeit, die ohne übermäßigen Verzicht eingeschlagen werden können – allein: mit ein wenig Nachdenken über Effizienz und Suffizienz unseres Konsums.

Wolfgang Königs Buch ist ein wichtiger Beitrag zu einer Verhaltensänderung, die der heute lebenden Generation obliegt, damit nachfolgende Generationen in würdiger Weise leben können. Die nachhaltige Nutzung von Lebensmitteln und Konsumgütern wie Kleidung und Möbel ist ein wichtiger Faktor in der emissionsarmen Wirtschaftsform, die wir anstreben. Königs „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“ passt in die gegenwärtige Klimadebatte. Lesenswert.

Bibliographische Angaben:

Wolfgang König: Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums.
Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2019.
168 Seiten, € 21,90.
ISBN 978-3-515-12500-0.

(Josef Bordat)