Des Denkers gedenken

Heute vor 303 Jahren starb Gottfried Wilhelm Leibniz.

Gottfried Wilhelm Leibniz hat als Philosoph, Mathematiker, Ingenieur und Jurist wichtige Beiträge für den Fortschritt der einzelnen Disziplinen geleistet. In den wesentlichen Bereichen der Gestaltung von Kultur und Gesellschaft hat sein Wirken sichtbar Spuren hinterlassen.

Über allem stand bei Leibniz jedoch der wissenschaftliche Gottesdienst. Was immer er tat, geschah mit dem Anspruch, seinen christlichen Glauben zu verkünden und Gottes Schöpfung zu rühmen. Nicht nur in seiner berühmt-berüchtigten Theodizee, in der er die Gerechtigkeit Gottes angesichts der Übel in der Welt zu rechtfertigen versuchte, zeigt sich seine Religiosität, sondern bis in die Mathematik reicht sein tiefer Glaube.

So entstammt etwa der Binärcode, auf dem die Elektronik und die Computertechnologie basiert, einer theologischen Überlegung: Gott (als die 1) schafft aus dem Nichts (der 0) eine vollkommene Welt, verdeutlicht in der vollkommenen Sprache Gottes (die Mathematik), somit muss es gelingen, alle natürlichen Zahlen mit „1“ und „0“ darzustellen, was im Binärsystem ja auch der Fall ist.[1] Leibniz wollte die Dyadik sogar zu Missionszwecken einsetzen und den chinesischen Kaiser damit zum Christentum bekehren, da dieser „ein sehr großer Liebhaber der Rechenkunst sey“[2].

Den Atheismus hingegen hält Leibniz für „die größte Kezerey“[3]. Insoweit meint er, „daß es gegenwärtig nötig ist, sich viel mehr einzusetzen für die Bekämpfung des Atheismus […] als der Häresie“[4]. An diesem Kampf müssten sich „alle Theologen aller Religionen“ beteiligen.[5] Die neue Differenzierung, die Leibniz hier vornimmt und die von der konfessionellen Spaltung nach dem Dreißigjährigen Krieg ablenkt, ist die zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen. Der Glaube an sich wird zur konstituierenden Bedingung des Staates: Nur religiöse Menschen können dessen Bestand sichern. Leibniz denkt dabei an die Christen beider Konfessionen.

Der Gedanke, dass allein der christliche Glaube – und dieser überkonfessionell – für stabile politische Verhältnisse sorgen kann, trieb Leibniz um und führte zu einem intensiven Engagement für die Einheit der Christen im Inneren des Reichs und zu seinen Interventionen zur Abwehr der Gefahren von außen, denen sich das Reich im Zuge der zweiten Belagerung Wiens durch die Türken ausgesetzt sah. Die „Türkengefahr“ konnte mit dem Sieg des kaiserlichen Heeres (in Allianz mit Polen, Bayern und Sachsen – also: in „militärischer Ökumene“) über die osmanischen Truppen 1683 abgewehrt werden, die Spaltung der Christenheit jedoch blieb erhalten und ist bis heute nicht überwunden.

Leibniz kann eingedenk dieses intensiven Engagements wohl zu Recht als christlicher Philosoph bezeichnet werden, ja sogar als Glaubensvorbild. Denn er war zugleich ein Christ, der seinen Glauben selbstbewusst öffentlich machte, der im besten Sinne missionarisch wirkte. Der Stoff, aus dem Heilige geschneidert sind. Tatsächlich erscheint Gottfried Wilhelm Leibniz im „Ökumenischen Heiligenlexikon“; sein evangelischer Gedenktag ist der 14. November (Leibniz starb am 14. November 1716). Doch auch für Katholiken und Orthodoxe kann Gottfried Wilhelm Leibniz ein Vorbild im Glauben sein, zudem ein Vorbild für die Theologie auf der Suche nach ökumenischer Einheit und nach Versöhnung mit der wissenschaftlich-technischen Moderne.

Anmerkungen:

[1] R. Finster / G. van den Heuvel: Gottfried Wilhelm Leibniz. Reinbek bei Hamburg. 1990, S. 107.

[2] G. W. Leibniz: Sämtliche Schriften und Briefe. Darmstadt / Leipzig / Berlin 1923 ff. (nachfolgend „A“ mit Angabe von Reihe, Band und Seite), I, 13, 118.

[3] An Johann Friedrich (März 1673), A I, 1, 487.

[4] An Ernst v. Hessen-Rheinfels (März 1685), A I, 5, 357.

[5] An Spitzel (Dezember 1669), A I, 1, 81.

(Josef Bordat)