Mensch und Natur

Ein Sammelband präsentiert christliche Perspektiven für ein nachhaltiges Leben im Anthropozän.

Wir leben – so die Ausgangsthese vieler Ansätze in den heutigen Umweltwissenschaften – im Zeitalter des Anthropozän (gr. ἄνθρωπος – der Mensch). Der Mensch ist zum geologischen Faktor geworden, sein Einfluss auf die Umwelt führt zu gravierenden Veränderungen, die zunächst die Natur und dann auch die Zivilisation bedrohen – das Stichwort „Klimawandel“ mag hier ausreichen. Davon sind zuerst und vor allem die Armen in den Ländern des Südens betroffen. Daher stellt sich im Anthropozän die Gerechtigkeitsfrage des Nord-Süd-Konflikts in neuer Schärfe und neuer Gestalt. Zugleich wird damit die Umweltfrage zum Gegenstand theologischer Ethik, denn für das Problem der ungerechten Verteilung von Lebenschancen eine strukturelle Lösung zu finden, gehört zu ihren wichtigsten gegenwärtigen Aufgaben.

An dieser Stelle sind die Kirchen und kirchliche Einrichtungen gefragt, aber auch die akademische Theologie beider christlicher Konfessionen. Letztere hat das Anthropozän-Problem bereits aufgegriffen. Schon vor zehn Jahren erschien Andreas Lienkamps beachtliche Habilitationsschrift „Klimawandel und Gerechtigkeit: Eine Ethik der Nachhaltigkeit in christlicher Perspektive“ (Schöningh, Paderborn). Nun erschien der Sammelband „Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit“ (Oekom, München), herausgegeben von Brigitte Bertelmann, stellvertretende Leiterin im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und Klaus Heidel, Mitgründer der Werkstatt Ökonomie e. V. in Heidelberg. Beide Herausgeber haben sich einschlägig mit sozial-, entwicklungs- und umweltpolitischen Fragen aus kirchlicher und zivilgesellschaftlicher Sicht beschäftigt.

Ein derart großes Thema wie die christlich motivierte und kirchlich organisierte Nachhaltigkeit im Zeitalter des Anthropozän kann nur in der Ökumene bewältigt werden. So stehen neben den Arbeiten protestantischer Theologen wie Eilert Herms und Ruth Gütter auch Analysen katholischer Autoren wie Markus Vogt oder Michael Rosenberger, die gemeinsam die christlichen Grundlagen klären, um dann kirchliche Handlungsfelder zu erschließen. Dazu gibt es Beiträge von Nicht-Theologen, die Schlüsselbegriffe des Themen kulturwissenschaftlich erläutern: Was ist „Anthropozän“? Was bedeutet „Nachhaltigkeit“? Insgesamt ergibt sich so ein sehr umfang- und aspektenreicher Zugang zu einer hochkomplexen Thematik der Gegenwart. Jede Christin, jeder Christ ist aufgerufen, sich den adressierten Fragen zu stellen. Der Band kann hier hilfreich sein, weil er Antworten liefert, die wissenschaftlich fundiert sind und doch konkret und praxisorientiert genug, um zu lernen und zu verändern.

Formal fällt auf, dass nicht immer die Schriftgröße durchgehalten wird (vgl. S. 11), ohne erkennbaren Grund. Die typographisch abgegrenzten Fußnoten und Literaturangaben wiederum sind recht klein gedruckt, so dass das Lesen auf Dauer etwas mühsam ist. Umso angenehmer, wenn die Texte durch Zwischenüberschriften und Graphiken aufgelockert werden, was noch öfter hätte passieren können. Insgesamt ein typischer akademischer Sammelband mit einigen herausragenden Beiträgen, nach deren Lektüre man die leitenden Konzepte der christlichen Perspektive einerseits und der Nachhaltigkeitskultur andererseits besser einordnen kann. Im Ergebnis wird vermittelt, dass die Umweltfrage ebenso einen Platz in der theologischen Ethik hat wie christliche Ideen von Mensch und Natur in der Umweltbewegung Berücksichtigung finden sollten. Hier eine Brücke geschlagen zu haben, ist das Hauptverdienst des Bandes.

Bibliographische Angaben:

Brigitte Bertelmann / Klaus Heidel (Hg.): Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit.
München: Oekom-Verlag (2019).
352 Seiten, 20 €.
ISBN-13: 978-3-96238-060-1.

(Josef Bordat)