Der Weg und die Wahrheit

Soll in der Kirche künftig wahr sein, was ein „synodaler Weg“ beraten hat?

„Synodalität ist ein Strukturprinzip des Handelns der Kirche. Der Blick richtet sich dabei nicht allein auf besondere Ereignisse in formalisierter, organisierter Gestalt (Generalsynoden der Bischöfe, Synoden auf der Ebene der Bischofskonferenzen oder der Metropolien, Diözesansynoden, Gesprächsprozesse oder Foren mit entsprechenden Geschäftsordnungen). Mit Papst Franziskus geht die Kirche ganz grundlegend einen Weg in die Zukunft, auf dem es gilt, Zutrauen zu den Gaben des Geistes Gottes zu haben, die sich in der Gemeinschaft der Getauften immer wieder als wirksam erweisen. Als Strukturprinzip betrachtet, ist Synodalität als eine Grundhaltung bei Beratungen sowie in Entscheidungsfindungsprozessen zu betrachten, durch die die Kirche als die erfahrbar und erlebbar wird, die sie ist: eine Gemeinschaft von Menschen, die nach Antworten auf ihre Lebensfragen suchen und angesichts von Sünde und Tod auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen. Synodalität bedeutet, einen Weg zusammen zu gehen.“ Soweit das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) in einem Papier aus dem Jahr 2016.

„Beratung“ in „Entscheidungsfindungsprozessen“

Der Synodalität als methodischem Ansatz liegt beim „synodalen Weg“ das Prinzip der wohlwollenden Einigung („Beratung“, die Foren werden paritätisch geleitet – Klerus und Laien sind gleichberechtigt), aber auch das der verbindlichen Mehrheit („Entscheidungsfindungsprozesse“) zugrunde. Verbindlich – für was? Für die Wahrheitssuche?

Papst Benedikt XVI. sah deutlich, dass das Recht der Mehrheit auf Durchsetzung der eigenen Interessen nicht immer zur Wahrheit führt. Dem Deutschen Bundestag gab er im September 2011 dazu den entscheidenden Hinweis: „In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig.“ In diesen Fällen wird das Durchsetzen der Mehrheitsmeinung gegen die „Würde des Menschen und der Menschheit“ den Widerstand zur Pflicht jedes Politikers machen, der auf sein Herz hört, auf die Stimme seines Gewissens, auf das Naturrecht, das in solchen Fällen zum geltenden Recht in Widerspruch geraten kann, aber immer schwerer wiegt.

Es ist offensichtlich, dass wir mit Glaubensfragen in einen Bereich eintreten, der vor dem konventionalistischen Zugriff gesellschaftlich organisierter Mehrheiten geschützt werden muss. Doch zunächst muss nachvollzogen werden, warum die Kirche dennoch meint, auf diesem Wege – von der Wahrheit zur Mehrheit – zu einem „Mehr“ an Gewissheit zu gelangen. Auffällig ist: Der „synodale Weg“ mit seinem Prinzip der Synodalität ist geradezu typisch für die Moderne. Die Moderne ist nämlich skeptisch gegenüber der Wahrheit, wenn sie absolut behauptet wird.

Demokratische Prozesse auf naturrechtlicher Basis

Was bleibt der Moderne stattdessen? Die Konvention eines „Vorläufig-für-wahr-haltens“ nach Verhandlungen im Diskurs. Dieser ist alles andere als „herrschaftsfrei“ (wie von Habermas gefordert), sondern setzen auf die Macht der Mehrheit. Robert Spaemann sah das mit großer Skepsis und betonte 2010 in einem Interview mit der Zeitung Die Tagespost: „Gerade wenn es keine gemeinsame Wahrheit, keine Einsicht in die Natur des Menschen mehr gibt, dann ist der Streit der Meinungen ein politischer Streit, der nicht mehr darauf zielt, den anderen zu überzeugen, sondern ihn mundtot zu machen. Denn den anderen überzeugen zu können, daran glaubt man gar nicht. Das setzt ja voraus, dass es so etwas wie Wahrheit gibt.“ Zugespitzt: So wie wir in der Epistemologie „Bestätigungsfähigkeit“ für „Wahrheit“ eingesetzt haben, setzen wir in der Ethik und der Politik „Mehrheit“ für „Wahrheit“ ein. Eine Gesellschaft aber, die keine Differenz zwischen Mehrheit und Wahrheit macht, nimmt sich die Möglichkeit zur Selbstkorrektur, wenn die Mehrheit irrt. Und das soll ja gelegentlich vorkommen.

Heißt das nun, die Mehrheit sollte keine Rolle mehr spielen? Nein, natürlich nicht! Der „Mainstream“ hat zumindest nicht immer Unrecht – und es ist daher nicht prima facie falsch, ihm Gehör zu schenken. Die Demokratie bietet die beste Form, sich unter der Bedingung allgemeiner Unsicherheit (und viele politische Entscheidungsfragen bringen als Hypothek diese Bedingung mit sich) schrittweise dem Ideal von Gerechtigkeit und Wahrheit anzunähern, wenn man nicht der Schwarmintelligenz allein vertraut, sondern die demokratischen Prozesse auf einer naturrechtlichen Basis gründen lässt. Wenn man also anerkennt, dass es Regeln gibt, die man nicht regeln kann, jedenfalls nicht anders, als sie seit jeher geregelt sind, in dem, was wir Naturrecht nennen. Wer davon abweicht, in dem er etwa die Würde des Menschen zur Disposition stellt, verlässt den Grund, auf dem er steht.

„Synodalität“ ist nicht katholisch

Besonders die Katholische Kirche – im Grunde: nur noch sie – betont diesen Vorbehalt. Nun macht sie sich selbst zum Gegenstand konventionalistischen Bedenkens und Verhandelns. Das ist widersinnig. Denn wenn man als Katholische Kirche die Vorbehalte von Naturrecht und Schöpfungsordnung belehrend nach außen hin artikuliert, in Richtung der Politik, in Richtung des Staates, dann muss die Frage erlaubt sein, ob sie dann nicht auch nach innen wirken sollten. Auch und gerade innerhalb der Kirche muss man doch bezweifeln dürfen, ob der Eintrag der Debatte und des Mehrheitsprinzips ins katholische Methodenarsenal ein so kluger Schritt ist – und nichts anderes ist ja „Synodalität“, zumindest in der Lesart des ZdK, einer der beiden Säulen des „synodalen Weges“. Schließlich handelt es sich doch um Fragen, deren konventionalistische Behandlung für die Politik gerade ausgeschlossen wurde. Ist denn die Kirche an dieser Stelle „weiter“? Ist der Sensus fidei oder fidelium in Glaubensfragen „besser“ als die Stimmung in Umfragen und die Machtverhältnisse in Parlamenten? Warum dann mit dem Synodalitätskonzept jenem prinzipiell zubilligen, was man dieser grundsätzlich abspricht: ein sicheres Urteil über Letzte Fragen sprechen zu können?

Wenn die Antworten auf diese Letzten Fragen nicht geistlich gesucht werden, wenn Wahrheit nicht mehr die Person Jesu Christi meint, sondern Gegenstand von Beratung und Verhandlung ist, ja, von „Entscheidungsfindungsprozessen“ (jenseits soteriologischer und ekklesiologischer Entschiedenheit), dann droht die Wahrheit auch innerhalb der Kirche von der Mehrheit als neues Paradigma der Gewissheit verdrängt zu werden. Und das wäre alles, aber nicht katholisch.

Es ist zumindest einer unter den deutschen Bischöfen, der das ebenso zu sehen scheint: Rainer Maria Kardinal Woelki, der Erzbischof von Köln. Für manche sei die Kirche „ein rein soziologisches Gebilde geworden, das sich – geschlechtergerecht – dem politischen und gesellschaftlichen Mainstream anzupassen habe“, kritisierte Woelki bei einem Gottesdienst in Köln. Er wandte sich dagegen, unter Hinweis „auf angeblich neuere wissenschaftliche Erkenntnisse“ insbesondere der Sozial- und Humanwissenschaften Glaube und Lehre der Kirche zur Disposition zu stellen und wie Politiker in einem Parlament „mit demokratisch gefassten Mehrheitsbeschlüssen eine sogenannte Reform der Kirche herbeizuführen“. Dahinter verberge sich „im letzten oftmals nichts anderes als eine Anpassung an das Denken der Welt“. Die Kirche, so Woelki, dürfe jedoch „nicht alles mitmachen, was die Welt so gerne von ihr hätte“, so fasst es katholisch.de zusammen.

Und der Dogmatiker Karl-Heinz Menke ergänzt in einem Interview mit dem Domradio: „Ich habe den Eindruck, dass die Kirche in Deutschland immer mehr um sich selbst kreist, fortlaufend mit sich selbst beschäftigt ist, statt alle Energien auf die Neuevangelisierung zu fokussieren. Themen wie Frauenpriestertum, Zölibat oder Zulassung Geschiedener zu den Sakramenten werden so behandelt, als entscheide sich an ihnen die Zukunft der Kirche. Und was die Zusammensetzung der Gesprächsforen des ,Synodalen Weges‘ betrifft, bleibt ungeklärt, wie sich das Lehramt der Apostelnachfolger zu Mehrheitsbeschlüssen der Beteiligten verhält.“ Die Kirche, so Menke, könne „nie Demokratie werden“.

Das Demokratie-Prinzip wird zudem nicht konsistent angewandt, denn dann müssten die Teilnehmer des Synodalen Wegs gewählt worden sein (so, wie das bei der EKD der Fall ist). Aber Abgesandte der Verbände und der Politik mit ernannten Würdenträgern in einen Raum zu sperren, macht noch keine Repräsentation. Das Kokettieren der Katholischen Kirche mit parlamentarischen Spielregeln und Kommunikationsformen ist daher eine Mogelpackung. Sie geht entweder zu weit (soweit es die Konstitution der Kirche betrifft) oder nicht weit genug (soweit es die Bedingungen repräsentativer Demokratie betrifft). Am Ende erweist sie sich als unpassend für die Kirche, denn die Wahrheit ihres Glaubens ist nun einmal kein Mehrheitsbeschluss, sondern eine Person: Jesus Christus.

(Josef Bordat)