Wem verdanken wir die Menschenrechte – dem Christentum oder der Aufklärung?

Heute ist der 71. Jahrestag der „Universal Declaration of Human Rights“. Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 217 A (III), die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie tat dies vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Schoah, sie tat dies, um künftigen Generationen die Ausübung von Gewalt und Unterdrückung zumindest etwas zu erschweren. Ein für alle mal sollte der Welt klar gemacht werden: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Wie ist es dazu gekommen? Wer den Blick von der Betrachtung der unmittelbaren Vorgeschichte löst und etwas weiter in die Geschichte schaut, dem zeigt sich ein jahrhundertelanger Kampf um die Würde und Freiheit der menschlichen Person. Man kann diesen Kampf von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen schöpfungstheologischen und heilsgeschichtlichen Perspektive, die den Menschen als Abbild Gottes und durch Christus von der Sünde erlöst sieht, und der von Gott her Würde hat und durch Christus frei ist, andererseits aus einer kurzfristigen rechtshistorischen und gesellschaftspolitischen Sicht, welche auf die Entwicklung kodifizierter Normen schaut, also etwa auf die „Virginia Bill of Rights“ (1776), die „Declaration of Independence“ (1776) oder die „Déclaration des droits de l’homme et du citoyen“ (1789) – unzweifelhaft Resultate der Aufklärung. Beide Sichtweisen sind von Hans Joas gut beschrieben worden: Einerseits gebe es diejenigen, die meinten, die Menschenrechte seien „nicht die Frucht irgendeiner religiösen Tradition, sondern vielmehr die Manifestation eines Widerstands gegen das Machtbündnis von Staat und (katholischer) Kirche oder gegen das Christentum als Ganzes“, wie sich dieser etwa in der Französischen Revolution zeigte, andererseits deuteten einige Vertreter aus den Reihen „christlicher, vornehmlich katholischer Denker“ auf „langfristige religiöse und intellektuelle Traditionen“ hin, durch welche „den Menschenrechten der Weg gebahnt“ wurde, vor allem „das Verständnis der menschlichen Person, wie es aus dem Evangelium zu uns spricht“ (Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin 2011, S. 16). Die Frage lässt sich also mit einem „Sowohl, als auch“ am zutreffendsten beantworten.

Christliches Gedankengut zeigt sich im Kontext der Menschenrechte, in der Entwicklung, dem Wesen und dem Geltungsanspruch dessen, was als Freiheit von staatlicher Allmacht definiert wird. Es zeigt sich in Leib- und Lebensrechten, etwa dem Folterverbot, und es liegt der Gleichberechtigung, zugrunde, die darauf basiert, dass wir Menschen vor Gott alle gleich sind, auch, wenn wir unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Fähigkeiten haben und an Unterschiedliches glauben. In diesem Bewusstsein kann man Niemanden von den Menschenrechten ausschließen. Wer immer das tut, auch, wenn er dabei meint, die Kirche zu vertreten, handelt unchristlich. Das bedeutet nicht, dass man als Christ oder dass die Kirche insgesamt nicht eine klare Vorstellung von Gut und Böse haben sollte, von Wahrheit und Irrtum. Es bedeutet nicht, dass alles gleich gültig ist, ins Belieben des Menschen gestellt. Ganz und gar nicht. Es gebietet aber Toleranz, es gebietet, den Anderen als Person zu achten und dieser menschlichen Person auch dann ein Minimum an Rechten zuzubilligen, wenn und soweit ihre Vorstellungen derart von der Position des Staates oder der Kirche oder der Gemeinschaft abweichen, dass sich aus der Sicht von Staat, Kirche und Gemeinschaft nichts Respektables an ihr finden lässt. Auch dann soll dieser Mensch frei sein, soll dieser Mensch seine Meinung sagen dürfen, soll dieser Mensch leben. Die Trennung von Person und Position (im negativen Modus: von Sünder und Sünde) ist ein Grundgedanke der christlichen Ethik, die sich in der Forderung nach Toleranz gegenüber dem Nicht-Respektablen wiederfinden lässt.

Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Menschenrechte aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde und Freiheit des Menschen entstehen konnte. Kurzfristig hat die Kirche im 19. Jahrhundert bei der Umsetzung gebremst – aus Angst vor der eigenen Courage, denn sie fürchtete den Irrtum, dem sie keine Freiheit schenken wollte, mehr als sie das Gewissen, die Stimme Gottes im Menschen, schätzte. Die Kirche hat kurzzeitig vergessen, dass Wahrheit nur in Liebe zu haben ist, so, wie Liebe nur in Wahrheit zählt. Daher mussten sich die Verfechter verbindlicher Kodizes nicht nur gegen die weltlichen, sondern auch die geistlichen Machthaber durchsetzen, um für ihre Vorschläge jene juridische Bindungskraft zu erringen, die das Individuum von den Institutionen Staat und Kirche emanzipierte. Man kann es vielleicht so ausdrücken: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Menschenrechtsidee möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden.

(Josef Bordat)