Zölibat

Der Zölibat ist wertvoll. Er ist kein Zwang, denn niemand ist gezwungen, Priester zu werden. Einfach aufgeben kann man die Verpflichtung zum priesterlichen Zölibat nicht. Schon gar nicht aus den falschen Gründen. – Sieben Gründe für den Erhalt einer katholischen Einrichtung.

1. Bibel

Der Zölibat lässt sich zunächst biblisch begründen. Man findet im Neuen Testament die Empfehlung des Apostels Paulus, ehelos zu bleiben, wenn man die Nachfolge Christi ernsthaft antreten will (vgl. 1 Kor 7, 32-35). Allerdings lassen sich auch Ausnahmen vom Zölibat biblisch begründen. Der erste Papst war verheiratet. Zumindest ist von einer Schwiegermutter des Simon Petrus die Rede, die von Jesus geheilt wird (vgl. Mk 1, 29-31; Lk 4, 38-39; Mt 8, 14-15). Auch andere Stellen deuten darauf hin (vgl. 1 Tim 3, 2 und 12; Tit 1, 6). Unter Umständen waren auch weitere Apostel verheiratet, schließlich schreibt Paulus der Gemeinde von Korinth: „Haben wir nicht das Recht, eine gläubige Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas?“ (1 Kor 9, 5). Dagegen wiederum kann man einwenden, dass die Ehen vor der Berufung zur Nachfolge geschlossen wurden. Auch heute darf ein zum Katholizismus konvertierter Priester einer anderen christlichen Gemeinschaft verheiratet bleiben (Zölibatsdispens nach Kanon 1049, CIC).

Der Zölibat wird von Paulus vorgeschlagen, um „in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen“ zu können (1 Kor 7, 35). Grundsätzlich gilt für die Nachfolge Christi das Prinzip der Bindungslosigkeit gegenüber weltlichen Dingen: Das Loslassen, das Verlassen weltlicher Bezugssysteme (Familie, Arbeit, Heimat) steht am Beginn der Berufung (vgl. Mt 4, 18-22). Nach kirchlicher Interpretation der Schrift hat Jesus selbst zölibatär gelebt; die Evangelien berichten nichts über eine Ehe Jesu (was sie aufgrund der Bedeutung der Ehe im Judentum mit Sicherheit getan hätten, wäre Jesus verheiratet gewesen).

2. Theologie

Es gibt darüber hinaus gewichtige theologische Argumente in der Debatte um die Bedeutung von Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit der Priester und Ordensleute. Zeichen, Charisma und Nachfolge sind die drei theologischen Hauptgründe für den Zölibat. Zunächst wird der Zölibat als Hinweis auf das Himmelreich angesehen, wo es ebenfalls keine Ehe gibt (vgl. Mk 12, 25). Sodann wird die Ehelosigkeit als Gnadengabe betrachtet, die den Priester in besonderer Weise auszeichnet. Schließlich stehen Priester in der Nachfolge Jesu und sollen ihre Berufung durch eine möglichst enge Orientierung an Jesu Leben und Lehre zum Ausdruck bringen. Zum Leben Jesu gehört die Ehelosigkeit ebenso wie zu seiner Lehre: Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ ist einer der Evangelischen Räte (vgl. Mt 19, 12).

3. Pastoral

Es gibt darüber hinaus aber auch pastorale Gründe für den Zölibat. Ehelose Priester können sich ganz auf die Arbeit in ihrer Gemeinde konzentrieren und brauchen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit keine Rücksicht auf eine Familie zu nehmen. Sie sind unabhängig, flexibel und – in antiklerikalen Systemen – weniger leicht erpressbar. Das ist heute in vielen Teilen der Welt höchst relevant. Ganz pragmatisch betrachtet ist es auch materiell einfacher, allein zu leben. Man braucht nur für sich zu sorgen und hat außerdem die Möglichkeit, einem Armutsideal zu folgen, das man einer Familie (insbesondere auch Kindern) nicht zumuten kann.

4. Geschichte

Für die historische Entwicklung der zölibatären Nachfolge Christi ist entscheidend, dass eingedenk des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes in Jesus die christliche Theologie seit Paulus Leib und Seele zusammenführt und die Körperlichkeit und Sexualität des Menschen daher Teil seines religiösen Glaubens werden. Die Enthaltsamkeit erfährt im Christentum eine nie dagewesene Aufwertung, weil man durch sie Seele und Leib, den „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6, 19), ganz auf Gott auszurichten vermag. So sieht Lucetta Scaraffia die Entscheidung für den Zölibat als das „Ergebnis eines kulturellen Kontexts“, in dem man überzeugt war, „an der Schwelle zur Wiederkehr Christi zu stehen, weswegen es notwendig erschien, die Kontinuität der Welt zu vereiteln“ (S. 75). Das war eine völlig neue Weltsicht: „In einer Gesellschaft, in der jeder verpflichtet war, seine Funktion, seinen Beruf, seinen Wohnsitz unverändert beizubehalten und zur Reproduktion der Gruppe von Menschen beizutragen, der er angehörte, bedeutete die Entscheidung für Keuschheit und Armut, mit allem zu brechen: eine Revolution“ (ebd.). Diese „Revolution“ nahm im Zuge des Zweiten Laterankonzils (1139) Form an: Die Ungültigkeit der nach der Weihe geschlossenen Ehe sowie die Ungültigkeit der nach dem Eheschluss vollzogenen Weihe fanden Eingang ins Kirchenrecht. Am Ende der Zölibatsdebatte steht also die Trennung der Christenheit in Klerus und Laien.

5. Gegenwart

Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Zölibat bestätigt. Es betont im Dekret Presbyterorum ordinis („Über Dienst und Leben der Priester“, 1965) unter der Überschrift „Besondere Erfordernisse für das geistliche Leben der Priester“, der Zölibat sei „in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“, denn die priesterliche Sendung sei „gänzlich dem Dienst an der neuen Menschheit geweiht, die Christus, der Überwinder des Todes, durch seinen Geist in der Welt erweckt“ (Nr. 16). Weiter heißt es: „Durch die Jungfräulichkeit und die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen werden die Priester in neuer und vorzüglicher Weise Christus geweiht; sie hängen ihm leichter ungeteilten Herzens an, schenken sich freier in ihm und durch ihn dem Dienst für Gott und die Menschen, dienen ungehinderter seinem Reich und dem Werk der Wiedergeburt aus Gott und werden so noch mehr befähigt, die Vaterschaft in Christus tiefer zu verstehen. Auf diese Weise bezeugen sie also vor den Menschen, dass sie sich in ungeteilter Hingabe der ihnen anvertrauten Aufgabe widmen wollen, nämlich die Gläubigen einem Mann zu vermählen und sie als keusche Jungfrau Christus zuzuführen; so weisen sie auf jenen geheimnisvollen Ehebund hin, der von Gott begründet ist und im anderen Leben ins volle Licht treten wird, in welchem die Kirche Christus zum einzigen Bräutigam hat. Darüber hinaus sind sie ein lebendiges Zeichen der zukünftigen, schon jetzt in Glaube und Liebe anwesenden Welt, in der die Auferstandenen weder freien noch gefreit werden“ (ebd.). Mehrere Synoden der letzten Jahre und Jahrzehnte haben die Bedeutung des Zölibats betont und sich für dessen Beibehaltung ausgesprochen; zuletzt die XI. Ordentliche Generalversammlung der Weltbischofssynode (2005) zum Thema „Die Eucharistie: Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche“, auf der sich etwa 80 Prozent der Bischöfe für den Zölibat ausgesprochen hat.

6. Priestermangel

Innerhalb der Kirche sehen Kritiker das Priesteramt künftig quantitativ derart geschwächt, dass man mit der Aufhebung des „Pflichtzölibats“ Berufungen erleichtern und auch nicht-zölibatär lebende, verheiratete Männer als Diakone oder viri probati verstärkt in der Pastoral einsetzen müsse; die II. Ordentliche Generalversammlung der Weltbischofssynode (1971) hatte das noch explizit abgelehnt, aber die Debatte nicht aufhalten können.

Wir jammern hier auf hohem Niveau. In Deutschland kommt ein Priester auf 1500 Katholiken, in Asien und Afrika kommt ein Priester auf 3000 bzw. 4500 Katholiken. Damit ist das Betreuungsverhältnis hierzulande doppelt bis dreifach so gut wie in Asien und Afrika. Betrachtet man die tatsächliche Teilhabe am Gemeindeleben und den Empfang der Sakramente, wird die Quote für Deutschland noch günstiger, denn während bei uns nur jeder Zehnte zur Sonntagsmesse geht, sind es in anderen Teilen der außerdeutschen Welt dreißig, vierzig Prozent – trotz einer oft stundenlangen Anreise zur nächstgelegenen Kirche.

Ferner: Wenn der Zölibat wirklich das Problem wäre, müsste die Evangelische Kirche keine Nachwuchssorgen haben, was ihre Geistlichen angeht. Hat sie aber, noch viel mehr als die Katholische Kirche. Was es hierzulande gibt, das ist ein massiver Mangel an Gläubigen. Doch ob sich dieser ausgerechnet durch verheiratete Priester beheben lässt? Auch in dieser Hinsicht lassen die hiesigen Evangelischen Landeskirchen nichts Gutes erahnen. Im übrigen scheitern nur sehr wenige katholische Priester an der „Bürde“ des Zölibats. Der Anteil der Priester, die ihr Amt niederlegen, um in den Stand der Ehe eintreten zu können, liegt bei unter zwei Prozent, während fast die Hälfte aller geschlossenen Ehen innerhalb der ersten zehn Jahre scheitert.

7. Missbrauch

Ist der Zölibat Schuld an den fürchterlichen Nachrichten, die uns erreichten? Aus Irland, Australien, USA, Deutschland, Holland. Nein, denn es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch, dass man also meinen sollte, zölibatär lebende Männer würden „aus der Not heraus“ zu Missbrauchstätern. Der Gerichtsgutachter Hans Ludwig Kröber meint dazu unmissverständlich: „Man wird eher vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil“. Auch der Stanford-Professor und Mitherausgeber der Analyse Sexual Abuse in the Catholic Church: A Decade of Crisis, 2002-2012, Thomas G. Plante, weist in einem Artikel für Psychology Today darauf hin, dass: „Clerical celibacy doesn’t cause pedophilia and sexual crimes against minors“. Weiterhin: „Celibacy doesn’t turn people into sex offenders of children. And the vast majority of sex offenders in our community are not celibate men“. Heißt also: Wenn ein Mann pädophil ist, dann war er es schon, bevor er Priester wurde. Er wird es nicht durch den Zölibat.

Aber: Die zölibatäre Lebensform ist attraktiv für Männer, die ihre (gesellschaftlich nicht akzeptierten) sexuellen Präferenzen heimlich ausleben wollen, während sie nach außen hin ein anerkanntes Leben führen, das Niemanden Verdacht schöpfen lässt. Zugleich haben sie in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Das ist ein Problem. Der Zölibat ist also nicht die Ursache von sexuellem Missbrauch, er kann aber die Wirkung haben, die Wahrscheinlichkeit für sexuellen Missbrauch in entsprechend organisierten Lebensformen zu erhöhen, weil er potentielle Täter anzieht. Da muss man wirklich aufpassen. Dennoch ist der Zölibat nicht der entscheidende Hebel.

(Josef Bordat)