James Watt

Heute vor 284 Jahren wurde James Watt geboren. Sein bekanntestes Lebenswerk: die Dampfmaschine.

„Wat is ‘ne Dampfmaschin‘? Da stell‘n mer uns ers‘ma‘ janz dumm.“ – Lehrer „Bömmel“ nimmt in der legendären „Feuerzangenbowle“ mit der Oberprima, in die auch ein gewisser Hans Pfeiffer geht, die Dampfmaschine durch. Der Film von 1944 spielt in einem ländlichen Gymnasium um die Jahrhundertwende, denn im Chemieunterricht wird das 1898 entdeckte Element „Radium“ als Neuheit behandelt (bzw.: es soll behandelt werden – es kommt ja dann doch alles ganz anders).

Um 1900 ist die Dampfmaschine also noch ein Thema. Zu diesem Zeitpunkt (in der Gestalt eines effizienten Antriebssystems und damit zur industriellen Nutzung geeignet) ist die gute „Dampfmaschin‘“ schon etwa 130 Jahre in Betrieb. In der Tat ist die Geschichte der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ohne die Dampfmaschine nicht zu verstehen. Zur Anwendungsfähigkeit brachte sie 1769 ein schottischer Erfinder. Sein Name: James Watt. Heute vor 200 Jahren ist er gestorben.

Die erste einsatzfähige Dampfmaschine nach dem Wattschen Prinzip wurde 1776 in der Fabrik von John Wilkinson installiert. 1781 wandelte Watt den Kolbenhub mittels eines Kreisschubgetriebes in eine Drehbewegung um. Ein Jahr später konstruierte er eine Dampfmaschine, bei der der Kolben von beiden Seiten durch Dampf bewegt wird. Damit hatte James Watt nun eine Dampfmaschine entwickelt, bei der die komplette Arbeit vom Dampfdruck geleistet wurde – eine Revolution. James Watts Dampfmaschine steht vor allem für zwei Begriffe: für Technik und für Fortschritt. Zusammen ergibt das: technischer Fortschritt. Wir sind es dem Ehrentag dieses großen Ingenieurs schuldig, einen Moment über diesen so selbsterklärend erscheinenden Begriff nachzudenken.

Was ist Technik? Technik ist Organentlastung, Organverstärkung und Organersatz (Arnold Gehlen) und die Entwicklung von Technik eine aktualisierte Anstrengung, die der Mensch auf sich nimmt, um künftige Anstrengungen zu verringern oder ganz zu vermeiden (José Ortega y Gasset). Technik dient dem Menschen zur Erweiterung seiner Handlungsspielräume, kurz: zur Vergrößerung seiner Freiheit. Doch Technik enthält auch potenzielles Übel, das uns immer dann deutlich vor Augen steht, wenn sich Katastrophen mit und durch Technik ereignen oder ankündigen. Flugzeugabstürze, Autounfälle oder Störungen in Kernkraftwerken machen deutlich, welchen Preis wir für den Freiheitszuwachs zahlen. Schließlich zeigen uns die immer düsteren Langzeitprognosen zu Umweltverschmutzung und Klimawandel, dass es eine existenzielle Frage ist, inwieweit wir von Technik Gebrauch machen. Technik ist also „Wohl“ und „Übel“ zugleich. Damit weist Technik die gleiche Ambivalenz von „gut“ und „böse“ auf, wie sie menschlichen Handlungen zueigen ist.

Damit wird technischer Fortschritt zu einer ethischen Angelegenheit. Es ist nicht mehr nur eine Frage der Machbarkeit, wie sich Technik entwickelt, sondern eine Frage der Moral. Und damit eine, die moralische und rechtliche Verantwortungen zuschreibt. Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Flugzeug abstürzt? Der Konstrukteur, der Pilot, der Mehrheitsaktionär, der immer stärkeren Druck ausübt auf die Fluggesellschaft, Kosten zu reduzieren – oder gar der Fluggast selbst, der immer billiger und schneller ans Ziel kommen will? Die Antwort lautet wohl: Alle! Jeder Einzelne trägt die Verantwortung, weil jede und jeder Einzelne an ihrer oder seiner Stelle mit ihren oder seinen spezifischen Ansprüchen das System „Technik“ – hier „Flugzeug“ – generiert, gerade so, wie es dann mit seinen Eigenschaften ist: „gut“ oder „böse“.

Es ist unklar, wie das Verhältnis von epistemischer und ethischer Dimension des wissenschaftlichen Fortschritts zu beurteilen ist. Ist es so – wie Francis Bacon und auch noch die Frühaufklärer wie Christian Wolff unterstellten –, dass Wissenschaft automatisch zu einer „besseren“ Gesellschaft auch im ethischen Sinne führt, weil Problemursachen des menschlichen Gegeneinanders sich angesichts des Fortschritts auflösen? Oder ist es vielmehr so, dass ethische Tabubrüche erst durch den induktiv arbeitenden Naturwissenschaftler der Neuzeit ermöglicht werden und wissenschaftlich-technischer Fortschritt somit auch Ursachen gravierender ethischer Probleme schafft? Man denke bei der Antwort nicht nur an die Militärtechnik (Kampfstoffe, Massenvernichtungswaffen), sondern auch an die zivile Nutzung strittiger Technologien (Atomenergie) bis hin zu aktuellen Entwicklungen in Medizin und Biotechnologie („therapeutisches Klonen“, „therapeutische Chimäre“)? Also: Löst oder schafft Fortschritt Problemursachen menschlichen Mit- bzw. Gegeneinanders?

Die Antwort hängt davon ab, ob es dem Menschen gelingt, die ihm zugedachte Rolle des „Naturbeherrschers“ verantwortungsvoll auszufüllen. Der Mensch muss sich zunächst bewusst werden, dass er in der Forschung zwischen den Extrema Schöpfung und Zerstörung steht. Aus dem Dilemma des Wissenschaftlers und des Ingenieurs, zugleich schöpferisch und zerstörerisch tätig zu sein, folgt die Notwendigkeit, Fortschritt und Verantwortung ganz eng aneinander zu binden. Eine Art „hippokratischer Eid“ für Naturwissenschaftler und Ingenieure, wie ihn der Wissenschaftstheoretiker und Technikphilosoph Hans Lenk (übrigens: 1960 in Rom Olympiasieger mit dem Deutschland-Achter) in die Diskussion einbrachte, kann ein erster Schritt sein, doch letztlich sind wir alle gefordert.

Wir müssen den Begriff des Fortschritts reformulieren, d. h. ihn aus der Bindung an das Machtstreben lösen, ihn vor übertriebenen Erwartungen schützen und ihn an nachhaltiger Entwicklung bemessen. Darin besteht die wichtigste Aufgabe der modernen Wissenschaft und Technik als gesellschaftliches System, wenn dieses Lösung und nicht Ursache von Problemen sein will. Lehrer „Bömmel“ würde uns vielleicht auf seine Weise warnen: „Macht weiter, Watt ihr wollt‘, dann werdet‘er schon seh‘n, Watt‘er davon habt!“

(Josef Bordat)