Liebesgebot, Gottesdienst und Corona

Der wichtigste Gottesdienst ist die Liebe. In Zeiten von Corona heißt das: kein gemeindlicher Gottesdienst.

Mir ist aufgefallen, dass einige Mitchristen gegen geschlossene Kirchen und ausfallende Gottesdienste argumentieren, indem sie Gottesliebe (manifestiert im gemeinschaftlich gefeierten Gottesdienst) und Selbstliebe (ausgedrückt in der Gesundheitsvorsorge) gegeneinander ausspielen, zugunsten der (so verstandenen) Gottesliebe. Zugleich stellen sie Staat (Verbot von Gottesdiensten) gegen Kirche (Trägerin bzw. Ort der Gottesdienste). Unter’m Strich rufen sie zu einer Art „Ungehorsam des Glaubens“ auf. Manche zitieren dazu sogar den Bibelvers, der ein Schlüssel zum Verständnis christlichen Gewissengebrauchs ist: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29).

Soweit, so schlecht. Denn das Zitieren von Apg 5, 29 ignoriert den Kontext (Verfolgung, staatlicher / menschlicher Druck auf Glaubende) und verfehlt so dessen Bedeutung. Und zwar völlig. Wäre das Ganze ein akademisches Problem, wäre der Text hier zuende.

Doch in Zeiten einer sich durch Infektion ausbreitenden Atemwegserkrankung, die in viel höherem Maße tödlich verläuft als gewöhnliche Erkältungen, ist es zudem erschreckend, so etwas von Mitchristen zu lesen. Denn bei dem pseudofrommen Gedankenexperiment wird einer vergessen, der aus christlicher Sicht nicht ganz unbedeutend ist: der Nächste.

Fakt ist: Wer das Virus trägt, kann es verbreiten. Das Problem ist also nicht, dass man sich selber opfert, indem man etwa Kranke versorgt und dabei selbst krank wird (wie das bei der Heiligen Elisabeth von Thüringen der Fall war), sondern, dass man – einmal beim Gottesdienst infiziert, ohne schon Symptome zu zeigen – etwa zwei Wochen lang zur Gefahr für Andere wird, für den Nächsten, den man lieben soll – wie Gott. Jesus stellt die Nächstenliebe der Gottesliebe gleich. Das zur Erinnerung.

Vorbei an den staatlichen Auflagen Gottesdienste zu organisieren, ist also kein „Gehorsam gegenüber Gott“, der den „Gehorsam gegenüber den Menschen“ heroisch übersteigt, sondern unchristlich. Zudem eine Dummheit, die das zulässige Maß bei weitem übersteigt.

(Josef Bordat)