Jenseits der Pandemie

Momentan gibt es nur ein Thema: Corona. Alles – restlos – wird mit Bezug auf die Pandemie ausgelegt. Corona ist das neue Deutungsmuster, mit dem wir die Welt interpretieren. Man hat den Eindruck, Corona ist eine Art Wendepunkt der Weltgeschichte. Ich warte auf die ersten theologischen Facharbeiten: Gibt es ein Leben nach Corona?

UNO-Generalsekretär António Guterres, eigentlich – scheint’s – ein vernünftiger Mensch, bezeichnet die Corona-Pandemie und deren (wirtschaftliche) Folgen schon als „größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“. So als wären weder Mao noch Stalin je geboren worden, so als habe es weder Korea- noch Vietnamkrieg gegeben (mit zusammen neun Millionen Toten), kein jahrzehntelanges ruinöses Wettrüsten, das die halbe Welt in den Bankrott trieb, keine Hungerkatastrophe in der Sahelzone in den 1970er und 1980er Jahren, an der etwa eine Million Menschen starb. So als gäbe es jetzt keinen Klimawandel und keine 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Und die 800 Millionen Menschen, die nicht genug zu trinken und zu essen haben – weg.

Es gerät in der Corona-Ära allzu leicht in Vergessenheit, dass die meisten Probleme, die es vor dem 15. März gab, immer noch nicht gelöst sind – auch, wenn sie im öffentlichen Bewusstsein derzeit keine Rolle spielen. Kriege und Konflikte etwa, die Lage der Flüchtlinge weltweit, der Klimawandel.

Dass man seit gut zwei Wochen Berichte über derartige Sachverhalte, die sich nicht direkt oder zumindest nach zwei, drei kleinen Schritten mit „Corona“ verbinden lassen, unter „Vermischtes“ suchen muss, wird spätestens dann zum Meta-Problem, wenn irgendwann (und der Tag wird kommen), die Zahl der Infizierten sinkt. Dann nämlich werden viele meinen, wir hätten die Krise an sich überwunden, die Krise schlechthin, die Krise aller Krisen, die „größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Corona an, Krise an – Corona aus, Krise aus. Wer dann noch mit den „alten“ Themen aus der Zeit v. C. (vor Corona) kommt und etwas anderes vermitteln will, wird kaum verstanden werden. Wenn es in ein paar Wochen heißt: Siehe, die Bundesliga spielt wieder.

(Josef Bordat)