Corona-Kreuzweg. Gedanken bei der Andacht

Beim Beten des Kreuzwegs gestern sind mir einige Gedanken gekommen, unsere aktuelle Situation betreffend.

Kreuzweg am Santuario de Guadalupe, Ciudad de México. Foto: JoBo, 3-2020.

I. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt.

Ein Todesurteil für viele Menschen ist heute die Corona-Infektion. Genauso ungerecht wie das Urteil des Menschen Pontius Pilatus über Jesus ist die Ansteckung mit einem Virus. Warum Jesus? Warum dieser Mensch? Was hat er getan? Womit hat sie das verdient? Das Urteil trifft hart. Wir können es nicht verstehen.

II. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.

Auch, wenn das positive Testergebnis kein sicheres Todesurteil ist, wiegt es dennoch schwer. Viele müssen sich in diesen Tagen auf den Weg machen – mit dem Kreuz der Infektion auf den Schultern. Wir alle nehmen Kreuze auf uns. Betriebe müssen schließen, Arbeitsplätze gehen verloren, Existenzen stehen auf dem Spiel. Viele sind allein, spüren das Kreuz der Einsamkeit stärker als je zuvor.

III. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.

Kein Wunder, wenn man an diesem Kreuz zerbricht. Die Last ist schwer. Kein Wunder, wenn man sich in Sarkasmus oder Fakenews flüchtet. Die Infodemie folgt der Pandemie auf dem Fuß. Die Situation ist für die meisten Menschen neu. Wir wissen nicht, wie wir sie stemmen sollen. Was wird noch kommen? Es muss weitergehen. Wir müssen weitergehen.

IV. Station: Jesus begegnet seiner Mutter Maria.

Ein Lichtblick. Eine nette Mail, ein ehrlicher Wunsch. Kontakt mit Menschen, mit denen man schon viel zu lange keinen Kontakt mehr hatte. Virtuelle Begegnungen. Zahlen von Heilungen. Geschichten von alten Menschen, die es geschafft haben, der Infektion zu trotzen. Nachrichten von Forschern, die an einem Impfstoff arbeiten.

V. Station: Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

Die Solidarität ist groß. Bei allem Individualismus zeigt sich jetzt auch Zusammenhalt. Junge Menschen bieten sich an, Besorgungen für Angehörige von Risikogruppen zu machen. Menschen tragen das Leid Anderer mit, in der Telefon- und Onlineseelsorge.

VI. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

Wie viele Krankenschwestern und -pfleger sind weltweit im Einsatz für Corona-Patienten. Wie viele Menschen sitzen an Krankenhausbetten und halten die Hand eines Angehörigen, oft ahnend, dass es dessen letzten Stunden sein werden. Wie wichtig sind diese Menschen!

VII. Station: Jesus fällt zum zweitenmal unter dem Kreuz.

Die Last der Erkrankung ist schwer, die Ausweitung der Pandemie auf ehedem verschonte Regionen wirft uns alle zu Boden. Wir müssen Rückschläge wegstecken. Und wieder aufstehen. Ein zweites Mal.

VIII. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Trauer mit den Trauernden. Aber auch absehen vom eigenen Leid, von der eigene Unpässlichkeit. Es gibt noch viel mehr Leid auf der Welt, durch Corona, aber auch ganz unabhängig von Corona. Momentan ist es verdrängt. Doch es darf nicht vergessen werden.

IX. Station: Jesus fällt zum drittenmal unter dem Kreuz.

Hoffnungslosigkeit. Die Last der täglich veröffentlichten Zahlen ist erdrückend. So viele Menschen leiden. Man möchte in den Boden versinken, den Kopf in den Sand stecken, um nichts mehr zu sehen und zu hören von dem Leid der Welt. Doch der Weg ist noch nicht zuende.

X. Station:Jesus wird seiner Kleider beraubt.

Würdelosigkeit. Wenn Ärzte die Wahl haben, wenn sie eine Auswahl treffen müssen. Das so belastete Wort „Selektion“ drängt sich auf. Einige sind nach den Kriterien der Fachgesellschaften schutzlos gestellt, entblößt, nackt, ihrer Würde beraubt. Damit andere leben können. Opfer. Doch keins, das aus freiem Willen geschieht.

XI. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt.

Entscheidungen können wirken wie ein Nagel fürs Kreuz. Aber auch wir nageln andere fest. Aus Ignoranz und Angst entsteht Hass. Auf den Staat, der so viel verbietet, auf die Medien, die ihn dabei – wie es scheint – kritiklos unterstützen, auf alle, die irgendwie asiatisch aussehen. Nach der Pandemie wird die Infodemie weitergehen.

XII. Station: Jesus stirbt am Kreuz.

Tod, vieltausendfacher Tod. Wir dürfen in Jesus den erkennen, der am Kreuz den Weg der Zehntausende in Spanien, Italien, Frankreich, den USA, in Deutschland und überall auf der Welt einschlug. Und der nicht im Tod blieb, sondern durch das Kreuz ins Leben ging. Das ist unsere Hoffnung.

XIII. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt.

Die Liebe der Angehörigen geht über den Tod hinaus. Wir werden uns erinnern an die Opfer, die Welt wird sich erinnern. Geborgen im Schoß des Gedenkens – ist das ein Trost? Maria ist die Schmerzensmutter, für den Moment. Sie wird wieder lachen und leben. Schon bald.

XIV. Station: Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt.

Ruhe im Grab. Es ist vollbracht, es ist geschehen, vollendet. Doch wir wissen, dass wir die Pandemie nicht stoppen können, wir können ihren Verlauf nur verlangsamen. Abgeschlossen ist in diesem Leben nichts. Auch nicht im Grab. In drei Tagen wird man es leer vorfinden. Hoffnung auf Leben, das nicht vergeht: Ostern.

(Josef Bordat)