Corona-Karwoche, oder: Freiheit erfahren

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten der Zeitgenossen Jesu (offenbar wohl auch Judas) hofften dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken schon damals an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt hingegen oft ungenutzt, weil unverstanden.

Und das nicht nur damals. Heute ist es ganz ähnlich: Es ist in der Corona-Krise viel die Rede von der Einschränkung der äußeren Freiheiten, die wir sonst regelmäßig – ohne groß darüber nachzudenken – in Anspruch nehmen. Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freizügigkeit. Selbstverständlichkeiten, die jetzt eben nicht mehr lebbar sind, ohne Gefahr für sich und andere. Auf der Ebene innerer Freiheit sind auch heute – den vielen Ratgebern zum Trotz, die diesen Topos aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven betrachten – viele Menschen kaum ansprechbar. So könnte aus dem „Hosianna!“-Zuspruch für die Krisen-Politik der Bundesregierung ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“ werden – oder: ein „Kreuziget sie!“, dann nämlich, wenn die Maßnahmen nicht planmäßig wieder gelockert werden können.

Im Christentum ermöglicht die innere Freiheit die äußere Befreiung des Menschen. Denn mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt: die spirituelle Freiheit der Gotteskindschaft und – darauf basierend – die weltliche Freiheitsidee als Unabhängigkeit von mehr als nötig einengenden religiösen oder politischen Normen. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur dort die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt; durch engagierte Christen wird dieser Gedanke historisch wirkmächtig (etwa im Zusammenhang mit dem Ende der Sklaverei, vgl. hier [Punkt 3]).

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung. Spürbar wird das auch jetzt, in der Corona-Krise, wenn wir – unabhängig von der äußeren Freiheitsbeschränkung – über die Medien Gottesdienst feiern und uns mit dieser neuen Erfahrung auch von manchen Zwängen befreien, die unsere Vorstellung von einer „gelungenen“ Kar- und Osterliturgie einengen.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit. In jener inneren Freiheit, von der Jesus spricht. Wenn wir diese in den kommenden Tagen entdecken und erfahren, wird das momentane Fehlen äußerer Freiheiten weniger schwer erträglich sein.

(Josef Bordat)