Im Kontext besser zu verstehen

Über das Gewissen, die AfD und die deutsche Flüchtlingspolitik

Für einen BR2-Hörfunkbeitrag der Reihe Theo.Logik-Religion inside zum Rechtsextremismus habe ich eine Reihe von Fragen beantwortet, die sich um den Begriff des Gewissens drehen. In der Sendung wurde dann aus dem etwa zehnminütigen Interview eine rund einminütige Stellungnahme, die sich relativ komisch anhört, vielleicht auch deshalb, weil sie aus drei meiner Antworten auf drei unterschiedliche Fragen zusammengeschnitten wurde: 1. der Frage nach dem Gewissen allgemein, 2. der Frage nach dem Gewissen von AfD-Anhängern und der Gewissenlosigkeit bestimmter Kritikformen, etwa der Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik, und 3. der Frage, ob man sich manchmal auch gegen sein Gewissen entscheiden muss, um in dieser Welt nicht unterzugehen. Dazu meine Antworten; der gesendete Anteil ist gefettet.

Zur ersten Fragen hatte ich sinngemäß u.a. folgendes gesagt: „Jeder Mensch hat ein Gewissen. Menschen sind, so sagt es die UNO in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, mit Vernunft und Gewissen begabt. Das heißt: Jeder Mensch, soweit es überhaupt denken kann – also über praktische Rationalität verfügt (und das ist ja ein Wesensmerkmal des Menschen, das ihn etwa vom Tier unterscheidet), soweit der Mensch nachdenken kann über sich und sein Handeln, tut er dies eben auch vor dem Gewissen. Die Frage ist jetzt: Was sagt ihm sein Gewissen? Womit ist das Gewissen gefüllt? Welche Erziehung hat der Mensch genossen (oder eben auch nicht genossen), welche Erfahrungen hat er in seinem Leben gemacht? Was hat er gelernt? Mit wem hat er sich beschäftigt? Was hat er gelesen? Welche Weltregionen und Lebenssituationen von Menschen hat er kennengelernt? Was prägt ihn und sein Gewissen? Kurz: Wie wurde sein Gewissen gebildet?“

Zur zweiten Frage hatte ich dann ausgeführt: „Kritisieren heißt ja von der Wortbedeutung her unterscheiden. Und wer sachlich differenziert und dabei auch Schwachpunkte in einem Sachverhalt entdeckt, etwa in der deutschen Flüchtlingspolitik der letzten fünf Jahre, der ist ja jetzt noch nicht gewissenlos oder hat sein Gewissen zum Verstummen gebracht. Dennoch sollte einem das Gewissen, wenn es denn nach christlich-humanistischen Einsichten gebildet wurde, sagen, dass es gut und richtig ist, Menschen in Not – und dazu zählen die Allermeisten, die zu uns gekommen sind – nach besten Kräften zu helfen und dabei auch Opfer zu bringen. Ich glaube, dass Frau Merkel diesem Weckruf des Gewissens gefolgt ist. Viele Menschen sind ihr darin gefolgt. Die AfD-Anhänger nicht. Und da kann man dann schon sagen, dass entweder ihr Gewissen nicht nach christlich-humanistischen Einsichten gebildet wurde oder aber sie auf den Ruf, ja: den Schrei des Gewissens nicht hören wollen. Beides ist tragisch.“

Zur dritten Frage hatte ich schließlich u.a. gesagt: „Das wäre dann die Argumentation des AfD-Anhängers: Es geht um die Existenz. Um die Existenz Deutschlands, des Abendlands oder was auch immer. Aber gerade in Existenzfragen meldet sich das Gewissen und lässt uns abwägen: Worum geht’s – um unseren Überfluss, der gerettet werden muss, oder um Millionen Menschen, die gerettet werden müssen? Das christlich-humanistisch geprägte Gewissen sagt: um diese Menschen!

Ich denke, im Kontext der Fragen und der nicht ganz so stark verkürzten Antworten wird meine Stellungnahme verständlicher.

Dennoch: Guter Beitrag, tolle Sendung (etwa auch zu Bonhoeffer). Hörtipp!

(Josef Bordat)