Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Zum Verhältnis von Kirche und Freiheitsrechten im 19. Jahrhundert.

Als die Freiheitsrechte – darunter auch die Pressefreiheit, die wir heute feiern – im 19. Jahrhundert in die Verfassungen der sich herausbildenden modernen europäischen Nationalstaaten aufgenommen wurden, sahen sich die Hüter des Lehramts der Katholischen Kirche bedroht. Zwei Enzykliken sind in diesem Zusammenhang bedeutend: Mirari vos (1832, Papst Gregor XVI.) und Libertas praestantissimum (1888, Papst Leo XIII.). Sie wenden sich strikt gegen den neuen Ansatz, das Gewissen vom Subjekt her zu bestimmen und nicht von der objektiven Wahrheit her und damit dem Einzelnen gegen diese Wahrheit Freiheiten einzuräumen, auch Freiheiten zum Widerspruch, zum Widerstand und – aus Sicht der Kirche – zum Irrtum.

Zunächst zu Mirari vos, zu deutsch: „Ihr wundert Euch“. Gemeint ist damit „über das lange Schweigen“, denn Mirari vos erschien als Antrittsenzyklika Papst Gregors XVI. erst im zweiten Jahr seines Pontifikats. Heute wundern sich indes viele – auch viele Katholiken – über den Inhalt der darin formulierten Gedanken, zumindest über die Schärfe, mit der sie vorgetragen werden. Es wimmelt in der Polemik gegen die Freiheit des subjektivistisch gedeuteten, inhaltlich leeren Gewissens von sprachlichen Spitzen und deftigen Kraftausdrücken – nach Maßgabe dessen, was von einer Enzyklika stilistisch erwartet werden kann, aber vor allem auch im Vergleich zu den Enzykliken der letzten Jahrzehnte aus der Feder von Papst Johannes Paul II., Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus, ist das kaum erträglich. Die Gefahr der Beliebigkeit, die dem Subjektivismus eignet, wird zum „Wahnsinn“ („Aus dieser modrigen Quelle der Gleichgültigkeit, die den Glauben betrifft, fließt jene törichte und falsche Ansicht, die man besser als Wahnsinn bezeichnet, für jeden die Gewissensfreiheit zu fordern und zu verteidigen.“), die Meinungsfreiheit – eine Stütze der modernen Demokratie – wird zum „Wegbereiter für diesen überaus verderblichen Irrtum“, aus dem „die Wandlung der Gesinnungen“ entstamme, „die zur Verderbnis der Jugend“ führten, einem Zustand, aus dem wiederum „die Verachtung des Volkes gegenüber der Religion sowie der heiligsten Dinge und Gesetze hervorgeht“. Genau das ist ja die Idee des subjektivistischen Gewissenskonzepts: im Zweifel muss es ein „Recht auf Verachtung der Ordnung“ geben. Die Sorge Papst Gregors XVI. kann dahingehend verstanden (und insoweit auch geteilt) werden, dass er zu meinen scheint, es bestünde die Gefahr, aus dem Zweifel des Gewissens im Einzelfall werde ein Dauerzustand unmotivierter Rebellion gegen Kirche und Staat, eine Art „Wutbürgertum“ um der Wut willen. Schaut man sich heute um und blickt auf die Heerscharen besorgter Bürgerinnen und Bürger, könnte man fast geneigt sein, dem Papst posthum Recht zu geben. Ironie der Geschichte. In Mirari vos wird weiterhin benannt, wie dem subjektivistischen Gewissensbegriff in der Gesellschaft zum Durchbruch verholfen werden soll: mit den liberalistischen Konzepten der „Redefreiheit“ und der „Pressefreiheit“.

Daran knüpft über ein halbes Jahrhundert später Libertas praestantissimum an, eine Schrift „über die Freiheit und den Irrtum des Liberalismus“. Was hier so unmodern oder gar anti-modern klingt, ist von der Sorge getränkt, dass sich die Beliebigkeit des Subjektivismus aus der philosophisch-theoretischen Betrachtung des Gewissens in der sozialen und politischen Praxis in Gestalt eines Liberalismus manifestiert, der keine Grenzen anerkennt und der Rücksichtslosigkeit Tür und Tor öffnet. Während der Subjektivismus Freiheit und Wahrheit gegeneinander ausspielt, stellt das Naturrecht, wie wir sahen, eine vitale Beziehung, ja: eine Abhängigkeit her. Die katholische Formal lautet seit Thomas von Aquin: „Freiheit ja, Liberalismus nein!“. Denn Freiheit bleibt an Wahrheit gebunden, und damit an Pflicht und Verantwortung, die – zumindest nach Meinung des Lehramts der Katholischen Kirche – im Liberalismus zu kurz kommen. Die Freiheit des Menschen liegt im Horizont der Wahrheit Gottes. Bewegt sie sich dort hinaus – und diese Gefahr sieht die Kirche im Liberalismus – ist sie keine Freiheit mehr, die zum Menschen passt.

Leo XIII. betrachtet diesen Konnex am Ende eines von Subjektivismus und Individualismus geprägten Jahrhunderts als vollends aufgeknüpft und bezieht daher seine Motivation: „Da jedoch viele hartnäckig an der Meinung festhalten, als seien jene Freiheiten auch in dem, was sie Verdorbenes enthalten, die höchste Zier unseres Jahrhunderts und das notwendige Fundament, auf dem die Staaten ruhen, in dem Maße, dass ohne sie eine vollkommene Staatsregierung nicht denkbar sei, darum erscheint es Uns mit Rücksicht auf das öffentliche Wohl notwendig, diese Frage besonders zu erörtern“ (Nr. 2). Der Papst führt dazu zunächst aus, dass die Rechtsordnung den Freiheitsgebrauch des Menschen zu dessen Wohl einschränken muss: „Da es sich so mit der menschlichen Freiheit verhält, so musste sie gestählt werden durch entsprechende Hilfs- und Schutzmittel, durch welche ihre ganze Tätigkeit auf das Gute hin- und vom Bösen abgelenkt werde; widrigenfalls hätte die Willensfreiheit dem Menschen zum großen Schaden gereichen können“ (Nr. 7). Dieser Ordnung steht das Naturrecht im Rücken: „Ein solches Gesetz ist an erster Stelle das Naturgesetz, welches geschrieben steht und eingegraben ist in die Seele jedes einzelnen Menschen; es ist nämlich die menschliche Vernunft selbst, die da das Gute befiehlt und das Böse verbietet“ (Nr. 8). Dieses Naturrecht, aber auch das positive Recht der menschlichen Gemeinschaft wurzelt in Gott, durch, mit und in welchem der Mensch zur wahren Freiheit gelangt: „Ob die menschliche Freiheit in dem Individuum oder in der Gesellschaft, ob sie denen, die befehlen, oder in denen, die gehorchen, betrachtet wird, zu ihrem Wesen gehört notwendig, dass sie jener höchsten und ewigen Vernunft unterworfen ist, die nichts anderes ist als die Autorität Gottes, der befiehlt und verbietet. Diese gesetzmäßigste Gewalt Gottes über die Menschen hebt so wenig die Freiheit auf oder mindert sie, dass sie dieselbe vielmehr schützt und vervollkommnet. Die wahre Vollkommenheit jeglichen Wesens besteht ja darin, dass es nach seinem Ziele strebt und es erreicht; das höchste Ziel aber, das der Mensch in seiner Freiheit anstreben soll, ist Gott“ (Nr. 11). Daraus folgt das Recht zum Widerstand gegen „unrechtes Recht“: „Die rechtmäßige Gewalt stammt von Gott, und wer der Gewalt widersteht, widersteht dem Willen Gottes; auf diese Weise erhält der Gehorsam eine ganz erhabene Würde, da er der gerechtesten und höchsten Autorität geleistet wird. Wo aber das Recht zu befehlen nicht vorhanden ist, oder wo etwas befohlen wird, was der Vernunft, dem ewigen Gesetze, dem Gebote Gottes zuwider ist, ist es recht, nicht zu gehorchen, nämlich den Menschen nicht zu gehorchen, damit Gott der schuldige Gehorsam geleistet werde. Hierdurch ist der Tyrannei der Zugang versperrt und die weltliche Obrigkeit angewiesen, dass sie nicht alles an sich ziehe, dem einzelnen Bürger sind seine Rechte gewahrt, ebenso der Familie wie allen Mitgliedern des Staatswesens; jedem wird das Maß seiner wahren Freiheit gegeben, das wie wir gezeigt haben, darin besteht, dass ein jeder nach den Gesetzen und nach der gesunden Vernunft leben kann“ (Nr. 13). Gegen diese Freiheit, der die Kirche immer als „Schützerin“ diente (Nr. 12), wende sich nun der Liberalismus, der „unvernünftig“ (Nr. 15) und sogar „gefährlich“ (Nr. 16) sei, was an der „Kultusfreiheit“ (Nr. 20-22), der „Rede- und Pressefreiheit“ (Nr. 23) sowie der „Lehrfreiheit“ (Nr. 24-28) verdeutlicht wird, immer mit dem Anspruch, dass es erstens die Wahrheit gibt, dass sie zweitens zu erkennen ist und dass sie drittens in der kirchlichen Lehre ihren anzuerkennenden Ausdruck findet.

Das ist heute – nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – schwer verdauliche Kost. In Teilen – vor allem in der Diktion – ist es schlicht zurückzuweisen. Doch ich will mal für Gregor XVI. und Leo XIII. etwas Ehrenrettung betreiben. Die Päpste des 19. Jahrhunderts haben geahnt, dass ein subjektivistisch begründetes Gewissen nicht als moralische Instanz taugt, soweit man daran festhält, die Existenz und Erfahrbarkeit einer moralischen Wahrheit zu behaupten. Das ist das ethische Argument gegen subjektivistische Gewissensfreiheit: Ein inhaltsleeres Gewissen, das beliebig gefüllt werden kann, hat keinen Wert und damit keine Bedeutung für die Ethik. Es ist richtig, dass sich die Kirche sorgt, das Gewissen könne zum leeren Begriff und zum beliebig einsetzbaren Joker in der Moraldebatte werden. Das Gewissen ist als subjektive Gegebenheit Ausdruck einer objektiven Wertordnung, bleibt also angebunden an moralische Wahrheit und an Verantwortung, einer Verantwortung gegenüber der außerhalb des Menschen stehenden absoluten Normativität, sprich: des göttlichen Gebots, das qua Naturrecht ins Subjekt gelangt und dort gleichsam Manifestation des Objektiven bleibt.

Also: Soll das Gewissen überhaupt noch eine Rolle in der Ethik spielen, darf es nicht derart ausgehöhlt werden, wie Gregor und Leo dem Liberalismus unterstellten, überzogen in der Form, zu misstrauisch dem Menschen gegenüber, doch nicht gänzlich verfehlt, wie man den Ego-Debatten heute erkennen kann. Die Forderung nach strenger Prüfung des Gewissens sind von daher berechtigt, man darf es sich mit der Berufung auf das Gewissen nicht zu einfach, quasi bequem machen. Schon gar nicht, wenn man in den Medien zum Multiplikator von Meinungen wird. In diesem Punkt können und müssen wir aus den römischen Positionen des 19. Jahrhunderts lernen.

(Josef Bordat)