Blutwunder in Corona-Zeiten stärkt den Optimismus

Der Heilige Januarius ist nicht nur Stadtpatron Neapels, er ist die Identifikationsfigur für die Neapolitianer. San Gennaro, wie er in Italien heißt, wird heiß und innig geliebt. Exponent der Verehrung ist das „Blutwunder von Neapel“, die Verflüssigung seines Blutes, die sich zu bestimmten Terminen ereignet (oder auch nicht) – am Samstag, der dem 1. Mai am nächsten liegt, am 19. September, dem Festtag des Heiligen, und am 16. Dezember. Und das seit über sechs Jahrhunderten; das „Blutwunder von Neapel“ ist erstmals für das Jahr 1389 belegt. Gestern war es wieder soweit. Und das Blutwunder ist eingetreten. Es macht Neapel und ganz Italien Hoffnung in der Corona-Krise, so katholisch.de.

Skeptiker vermuten, dass es sich bei dem Ampulleninhalt um eine thixotrope Substanz handelt, der zur Farbgebung lediglich etwas Blut beigemischt wurde. Solche Stoffe sind im Ruhezustand gelartig und erscheinen damit fest, können sich aber durch Schütteln verflüssigen. Das habe man auch schon im Spätmittelalter gewusst. Die ruckartigen Bewegungen der Träger während der Prozession sowie das Drehen der Ampulle durch den Zelebranten löse die Verflüssigung aus. Im Labor ließe sich das zeigen. Also: „Chem-Trick“ statt „Wunder“?

Für die katholischen Neapolitianer steht indes fest: Es ist das Blut des Heiligen, das sich verflüssigt. Und wehe, wenn das mal nicht „funktioniert“! Ein Ausbleiben des „Blutwunders“ wird als schlechtes Omen für die Stadt gedeutet – möglicherweise erwacht dann der seit 1944 schlafende Vesuv. Als das „Blutwunder“ 1980 ausblieb, brachten die Neapolitaner das Erdbeben in der Irpinia damit in Verbindung, mit fast 3000 Toten die verheerendste Naturkatastrophe der italienischen Nachkriegsgeschichte.

Geologen mögen sich die Haare raufen, für den Glauben an das „Blutwunder von Neapel“ ergibt sich damit ein neuer Grund. Und auch wenn nun Virologen (und andere medizinische Spezialisten) mit dem Kopf schütteln – auch auf Corona kann das Blutwunder einen Einfluss haben. Denn Optimismus ist heilsam. Und den spüren zumindest die gläubigen Italiener seit gestern Abend wieder etwas stärker.

(Josef Bordat)