Über Krieg. Und Gerechtigkeit – Teil 4

Eine siebenteilige Serie zur 75. Jährung des 8. Mai 1945, dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa endete.

Der Krieg gegen das faschistische Deutschland wird von vielen als „gerechter Krieg“ angesehen, ging es doch darum, Unschuldigen beizustehen und die Friedensordnung wieder herzustellen. Doch: Kann es einen „gerechten Krieg“ geben? Schon der Begriff „gerechter Krieg“ ist sehr umstritten – gerecht gehöre nicht in einen Kontext mit Krieg; der Völkerrechtler Knut Ipsen bevorzugt „rechtmäßig“ (1990, 28), die Philosophin Herlinde Pauer-Studer spricht von „zulässig“ (2001, 93). Es handelt sich bei „gerechter Krieg“ um die Übersetzung des lateinischen Ausdrucks bellum iustum. Die Tradition der Debatte rund um dieses Konzept muss man nachvollziehen, um sagen zu können, ob das, was damit beschrieben wird, überhaupt möglich ist: ein gerechter Krieg. Das ist gerade heute wieder wichtig, weil der Begriff – nach einer Phase des Pazifismus in der Debatte – eine Renaissance erfährt.

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Der gerechte Krieg im Kontext der Eroberung Amerikas (Juan Ginés de Sepúlveda, Francisco de Vitoria, Bartolomé de Las Casas)

Für die auf Augustinus und Thomas von Aquin bezugnehmenden Barockscholastiker der spanischen Schule war der Krieg in Lateinamerika – mal als notwendige Intervention der christlichen Welt verklärt (Sepúlveda), mal als Eroberungsfeldzug gebrandmarkt (Las Casas) – ein Anlass, die klassischen Positionen zu überdenken und Krieg weiter zu fassen denn als gewaltsame Auseinandersetzung zwischen souveränen Staaten bzw. Fürsten, denn die Gemeinwesen der Indios (wie das Azteken- oder das Inkareich) und ihre Regenten wurden von den meisten Diskursteilnehmern nicht anerkannt. Der Legitimationsdisput um Spaniens Vorgehen in „Westindien“ verläuft folgerichtig zwischen der Kennzeichnung kultureller Lebensformen der autochtonen Bevölkerung als „Terror“ (Sepúlveda) und der spanischen Eroberung als „Gegenterror“ (Las Casas). Auch wenn die Begriffe Terror und Gegenterror nicht explizit verwendet werden, wird die Lage in den Kolonien – etwa unter Bezugnahme auf die dortige Praxis von Menschenopferungen und Kannibalismus – so geschildert, dass sich bei Sepúlveda ein militärisches Eingriffsrecht zur Beendigung des „Terrors“ ergibt. Von Las Casas wird der Krieg dagegen als grausam und ungerecht abgelehnt, da er nicht besser sei als der „Terror“ und sogar noch Schlimmeres nach sich ziehen würde.

Juan Ginés de Sepúlveda äußert sich umfassend zur Frage des bellum iustum, des gerechten Krieges. Er vertrat im Rahmen der Rechtstiteldiskussion die Auffassung, dass der Krieg gegen die „Indianer“ nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten sei. Für ihn gibt es in Anlehnung an die scholastische Tradition fünf notwendige Bedingungen eines bellum iustum, die im Zusammenhang mit der Conquista seiner Ansicht nach alle vorliegen. Die ersten vier beziehen sich auf das ius ad bellum, die letzte auf das ius in bello.

Zunächst darf ein Krieg nicht nur mit dem Vorhandensein notwendiger Bedingungen gerechtfertigt werden, die in die Argumentation eingeführten Gründe müssen auch so gewichtig sein, dass sie hinreichende Bedingungen für einen Waffengang darstellen. Denn Krieg ist auch in den Augen Sepúlvedas ein Übel, obwohl er – ganz im Sinne der Conquistadores – den zu bekämpfenden Unrechtsfall auch dann als gegeben sieht, wenn von einem Volk potentiell Unrecht ausgeht. Damit erweitert Sepúlveda die rein defensiv ausgerichtete augustinische iustitia vindicativa (strafende Gerechtigkeit) zu einem Begründungsinstrument, das Krieg rechtfertigt, wenn dieser zu dem Zweck geführt wird, einem potentiellen Rechtsbrecher ganz allgemein die Fähigkeit zur Ausübung von Unrecht zu nehmen. Dennoch sollten vor jedem Waffengang alle friedlichen Mittel ausgeschöpft werden. Der Krieg muss also ultima ratio sein (Sepúlveda 1951, 5).

Für Sepúlveda gibt es der Tradition folgend grundsätzlich drei causae iustae für einen gerechten Krieg: Erstens die Verteidigung gegen einen ungerechten Angriff, zweitens die Rückgewinnung ungerecht einverleibter Kriegsbeute und drittens die Bestrafung eines bislang ungesühnten Rechtsbruchs (Sepúlveda 1951, 19). Wichtig für die gerechte Verteidigung sei dabei die Klassifizierung des Angriffs als ungerecht. Aus seiner Auffassung, dass immer nur eine Partei das Recht auf Kriegsführung auf ihrer Seite habe, folgt logisch, dass es gegen einen gerechten Angriff keine gerechte Verteidigung geben kann (Sepúlveda 1951, 104). Bei der Rückgewinnung ungerecht einverleibter Kriegsbeute bezieht sich Sepúlveda auf das Buch Genesis, in dem beschrieben wird, wie Abraham gegen den König von Elam Krieg führt (Gen 14), der zuvor Abrahams Neffen Lot, dessen Frauen und Besitz geraubt habe und erweitert das Recht zur Kriegsführung aus diesem Grunde auf die Rehabilitierung Verbündeter. Die Bestrafung eines Rechtsbruchs schließlich sei aus Gründen der Abschreckung geboten (Sepúlveda 1951, 17). Das gemäß dem Buch Deuteronomium geltende Rachemonopol Gottes („Mein ist die Strafe und die Vergeltung“; Dtn 32, 35) wird dabei von Sepúlveda als auf den Menschen übertragbar beschrieben, wenn dieser im Auftrag Gottes handelt. Bereits Thomas von Aquin (1934, II-II, 40, 1) erwägt diese Beauftragung (mandatum) in Verbindung mit der Generalbeauftragung des Fürsten aus dem Römerbrief („Sie [die staatliche Gewalt, J.B.] steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut“; Röm 13, 4).

Da im Fall der Conquista aber keiner der drei traditionell genannten gerechten Kriegsgründe verfängt, bemüht sich Sepúlveda um die Beschreibung weiterer causae iustae. Er öffnet das Tor zu seinen weitergehenden gerechten Gründen, indem er den christlichen Fürsten zweierlei zugesteht, Erstens haben sie das Recht, böse Menschen präventiv daran zu hindern, von ihrer Fähigkeit zu schaden und zu sündigen Gebrauch zu machen (Sepúlveda 1951, 15); zweitens haben sie das Recht, Unrecht (iniuria) zu bestrafen, wobei die Strafe der Größe der Schuld entsprechen muss (Sepúlveda 1951, 16).

Sepúlveda nennt also die Verhinderung künftiger und Bestrafung schon geschehener Sünden als Argumente für seine vier weiteren causae iustae: Erstens die natürliche Inferiorität, zweitens die Sünden wider die Natur, drittens die Bewahrung Unschuldiger vor Anthropophagie und Opfertod sowie viertens die schnellere Verbreitung der christlichen Religion. Entscheidend dabei ist, dass aus den Riten und Praktiken, die nach Sepúlveda der Natur zuwider laufen, eine Nothilfesituation entsteht – d.h. es geht nicht nur um die Bestrafung der Täter, sondern auch um den Schutz der (potentiellen) Opfer. Sepúlveda argumentiert sowohl theologisch-ethisch mit der societas (Gemeinschaft) des Menschengeschlechts, als auch biblisch mit dem Hilfeschrei aus dem Buch der Sprichwörter („Befreie jene, die man zum Tod schleppt; die zur Hinrichtung wanken, rette sie doch!“; Spr 24, 11) und dem im Lukas-Evangelium verzeichneten Fürsorgegebot für den Nächsten im so genannten Gleichnis vom barmherzigen Samariter ( Lk 10, 30ff.).

Im Zusammenhang mit der Interventionsthematik heute, die im Folgenden angesprochen werden soll, ist dieser Blick auf den Krieg als Maßnahme zur Bewahrung Unschuldiger bedeutsam. Bei diesem Kriegsgrund bleibe, so Sepúlveda, auch der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz verbindlich, d.h. die zu erwartende Zahl der Kriegsopfer solle kleiner sein als die Zahl zukünftiger Opfer naturrechtswidriger Praktiken wie Kannibalismus und kultische Menschenopferungen. Für die Conquista bleibe das Proportionalitätsprinzip gewahrt, da hinter eine jährliche Opferzahl von 20.000 Menschen jeder noch so blutige Krieg zurückbliebe (Sepúlveda 1951, 61).

Allein der Fürst hat als auctoritas legitima das Recht, einen Krieg zu führen. Ausdrücklich bezieht Sepúlveda den obersten Kirchenfürsten, den Papst, mit ein, denn im Fall der Conquista habe Papst Alexander VI. von diesem Recht der auctoritas legitima Gebrauch gemacht, indem er den kastilischen Königen den Auftrag gab, die Indios dem katholischen Glauben zu unterwerfen.

Die rechte Absicht (intentio recta) besitzt derjenige, der sein Kriegsziel daran ausrichtet, den Frieden wiederherzustellen, „nachdem den schlechten Menschen die Fähigkeit zu schaden und zu sündigen weggenommen wurde“ (Sepúlveda 1951, 15). Demnach gibt es auch nur höchstens eine Kriegspartei, die eine solche intentio recta hat.

Der debitus modus (gebotenes Maß) des gerechten Krieges liegt nach Sepúlveda in der Mäßigung hinsichtlich der Mittel. Mit Augustinus verurteilt er die möglichen Auswüchse eines Krieges in Racheakten und willkürlichen Grausamkeiten. Stattdessen gemahnt er zur Einhaltung des Diskriminations- und des Proportionalitätsprinzips. Beim Diskriminationsprinzip geht es darum, Unschuldige zu schonen, wobei er damit nicht wie das moderne Kriegsrecht zwischen Soldaten des Gegners und Zivilisten unterscheidet, sondern zur Schonung von Botschaftern, Ausländern und Klerikern aufruft. Die Einhaltung des bereits im Zusammenhang mit der causa iusta des Verteidigungskrieges angesprochenen Proportionalitätsprinzips wird hier nicht nur für die Kampfhandlungen, sondern auch für das Verhalten gegenüber dem Feind nach Beendigung des Krieges gefordert.

Eine gewisse Kritik erfährt diese Sicht durch Francisco de Vitoria. Grundsätzlich definiert Vitoria den bellum iustum als Maßnahme zur Wiederherstellung der Friedensordnung, welche durch Unrecht gestört ist; ohne vorangegangenes Unrecht dürfe es konsequenterweise keinen Krieg geben (1981, 126). Die von Sepúlveda vehement bejahte Frage, ob es rechtens sei, die Völker wegen Sünden wider die Natur mit Krieg zu überziehen, negiert Vitoria jedoch. Christliche Herrscher, ob mit oder ohne päpstliche Ermächtigung, haben seiner Meinung nach kein Kriegsführungsrecht gegenüber „Heidenvölkern“. Im übrigen kritisiert er die Sonderstellung bestimmter Sünden als Sünden wider die Natur, denn für ihn sind prinzipiell alle Sünden gegen das Naturgesetz gerichtet.

Ferner gilt für Vitoria im Unterschied zu Sepúlveda nicht der Grundsatz, dass es in einem Krieg höchstens eine gerechte Partei geben kann, die die intentio recta auf das Schlachtfeld führt. Für ihn kann es durchaus sein, dass beide Parteien das Recht auf ihrer Seite wähnen und es zwar entscheidbar ist, wer objektiv gerechte Gründe vorzuweisen hat, aber subjektiv keine Kriegsschuld feststellbar ist. Nach Vitoria muss man also anerkennen, dass keine Partei in einem solchen Fall vorsätzlich und entgegen besseren Wissens handelt (1981, 138). Im Fall einer solchen ignorantia invincibilis (ungerechte Unkenntnis) gilt somit die Unschuldsvermutung, die er auch mit Blick auf die Indios für diese in Anspruch nimmt.

Eine interessante Parallele zu Sepúlveda findet sich indes hinsichtlich der Rechtfertigung eines Protektivkrieges zugunsten der indianischen Bevölkerung. Vitoria bestätigt die Gerechtigkeit dieses Kriegsgrunds mit der göttlichen Beauftragung, für den Nächsten zu sorgen. Daher könne jeder Mensch, auch ohne ausdrückliches päpstliches Mandat, Unschuldige aus der Tyrannei zu befreien versuchen (1952, 15). Auch Vitoria sieht ein Schutzbedürfnis der potentiellen Opfer von Kannibalismus und religiösen Riten und billigt unter den Titeln ius protectionis (Recht zum Schutz der zum Christentum übergetretenen Indianer, 1952, 16) und ius interventionis (Eingriffsrecht zur Befreiung Unschuldiger, 1952, 17) einen Krieg, der diesem Ansinnen gerecht wird. Damit deutet er die Conquista vom Eroberungskrieg zum Interventionskrieg um und rechtfertigt auf diese Weise das Vorgehen der Spanier. Gerechte Kriege aus Gründen von Schutz und Befreiung dürfen jedoch nach Vitoria nur das begrenzte Ziel haben, die Unschuldigen zu retten, ohne dass dieses Anliegen dazu missbraucht werden dürfe, die Feinde ihrer Herrschaft und ihrer Güter zu berauben. Ferner stellt Vitoria, wie schon Sepúlveda, im Bereich des ius in bello die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Er meint allgemein, dass der Einsatz zur Hilfeleistung proportional sein muss, d. h. er darf nicht mehr tatsächliche Opfer fordern, als potentielle Opfer zu retten sind. Während Sepúlveda für die Conquista unter der Annahme bestimmter, sehr hoher Opferzahlen (20.000 Menschen pro Jahr) die Proportionalität bejaht, bleibt Vitoria für den speziellen Fall die Antwort schuldig.

Ganz anders Bartolomé de Las Casas. Seine Kritik der Conquista ist fundamental. Im Zusammenhang mit dem Konzept des bellum iustum tritt die oppositionelle Haltung des so genannten „Apostels der Indios“ deutlich hervor. Krieg ist für ihn „die miserabelste und abscheulich stinkendste Sache unter dem Himmel“ (1988, 660f.), und jeder Christ sei aufgerufen, soweit wie nur irgend möglich, Frieden zu halten. Hier bezieht er sich auf den Römerbrief: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12, 18), wobei die Betonung auf dem Passus „mit allen Menschen“ liegt, also auch mit Heiden.

Las Casas sieht den Krieg nicht bloß als akademisches Problem, gewissermaßen aus der Ferne Spaniens, sondern bringt im Gegensatz zu Sepúlveda und Vitoria praktische Erfahrungen und Erlebnisse mit in die Analyse ein, schließlich hatte er während des Kuba-Feldzuges (1512/13) ausreichend Gelegenheit, sich ein Bild von den Auswirkungen des Krieges zu machen. So schildert er an einigen Stellen sehr deutlich die konkreten Folgen des Krieges und ruft sie den Entscheidungsträgern in Erinnerung. Gräueltaten, Blutbäder, Verwüstung und Zerstörung, Rache und Vergeltung treffen laut Las Casas alle: Soldaten und Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder, Arme und Reiche. Der Krieg gegen die Indios sei dabei nicht nur grausam, sondern vor allem ungerecht. Damit widerspricht Las Casas deutlich dem Zeitgeist, obwohl auch er hinreichende causae iustae hinsichtlich des ius ad bellum anerkennt: Selbstverteidigung, Widerstand gegen schlechte, ruchlose Menschen, Wiedererlangung des ungerechterweise Geraubten bzw. Wiedergutmachung der erlittenen Schäden und Strafe für erlittenes Unrecht (1996, 347ff.).

Die Selbstverteidigung ergibt sich für ihn nicht erst aus dem kanonischen Recht („Alle Gesetze und jedes Recht erlauben es einem jeden, fremde Macht abzuhalten und sich selbst zu verteidigen“; Liber Sextus 5, 11, 6), sondern bereits aus der anthropologischen Erkenntnis, dass der Mensch seiner Natur gemäß zur Bewahrung seiner selbst strebt. Dieser Selbsterhaltungstrieb wird bereits bei Thomas von Aquin erwähnt, der schreibt: „Alle natürlichen Wesen widersetzen sich in dem Maße der ihnen zur Verfügung stehenden Kraft ihrer Zerstörung, welche ein Übel ist, wodurch ein jedes zerstört wird, statt sich zu erhalten“ (1934, I-II, 94, 2c). Ähnlich wie die Selbstverteidigung betrachtet Las Casas den Fall, in dem man gewaltsamen Widerstand gegen schlechte, ruchlose Menschen leisten müsse. Die Wiedererlangung des ungerechterweise Geraubten bzw. Wiedergutmachung der erlittenen Schäden sei Ziel eines Verteidigungs- und des Widerstandskrieges. Las Casas bezieht sich auch hier auf das kanonische Recht, in dem es lapidar heißt: „Gerecht ist ein Krieg, der mit der Absicht geführt wird, Dinge zurückzuerlangen“ (Decretum Gratiani 2, 13, 12). Schließlich leitet sich auch die Strafe für erlittenes Unrecht aus dem zuvor zitierten Kanon ab, in dem es weiter heißt: „Als gerecht können auch solche Kriege bezeichnet werden, durch die Unrecht bestraft wird, wenn dies von Volk und Staat gewünscht wird als Buße oder in Form der Rückgabe dessen, was durch die Unrechtstat entfernt wurde“ (Decretum Gratiani 2, 13, 12).

Diese Gründe sieht Las Casas jedoch – im Gegensatz zu Sepúlveda und in dieser Schärfe auch gegen Vitoria – für die Indios (und nicht die Spanier) als gegeben an. Aus ihrer Sicht träfe jeder Grund im Rahmen der Conquista. Folglich hätten die Indios das Recht zum Krieg gegen die Spanier: „Völlig gerecht ist ein Krieg, den ein Volk und Königreich gegen ein anderes führt, wenn dabei alle vier obigen Gründe für einen gerechten Krieg zusammenkommen. Nach dem Recht jener Völker von Peru aber kamen mit der Gefangennahme König Atahualpas alle vier Gründe gegen die Spanier zusammen. Folglich führen sie gegen die Spanier einen höchst gerechten Krieg“ (1996, 348).

In der Auseinandersetzung mit Sepúlveda geht er auch auf dessen causae iustae ein. Las Casas weist natürliche Inferiorität der indigenen Bevölkerung, die angeblichen Sünden wider die Natur sowie schnellere und sicherere Verbreitung des Christentums durch eine conquista previa als gerechte Kriegsgründe zurück. Allein hinsichtlich des Aspekts Opferschutz ist er prinzipiell mit Sepúlveda einig: die Befreiung Unschuldiger sei in der Tat grundsätzlich ein gerechter Kriegsgrund (1988, 360ff.). Las Casas weist aber die Applikation dieser causa iusta auf den Krieg gegen die Indios zurück, da zum einen nur einige wenige Völker Amerikas von der Notwendigkeit zum Opferschutz betroffen sind und zum anderen ein Befreiungskrieg gegen die Indios seinen gerechten Grund konterkarieren würde, wenn aufgrund der unterstellten Disproportionalität und wegen der fehlenden Möglichkeit zur Einhaltung des Diskriminationsprinzips in einem solchen Krieg die zu rettenden potentiellen Opfer religiöser Riten zu tatsächlichen Kriegsopfern werden. Las Casas hält den Krieg gegen die Indios also für disproportional und indiskriminatorisch, d.h. im Sinne des ius in bello für ungerecht: „Ein solcher Krieg wäre kein Heilmittel, sondern würde nur größeren Schaden hervorbringen“ (1996, 237). Wie Sepúlveda geht Las Casas nämlich grundsätzlich davon aus, dass die Zahl der Opfer eines Krieges geringer sein muss als die Zahl der potentiellen Opfer des Vorkriegszustands.

Nur kommen beide im Fall der indianischen Völker auf völlig verschiedene Zahlen: Sepúlveda spricht von 20.000 Opfern jährlich, Las Casas von „nicht einmal 50“ (1988, 368f.). In seiner beißend ironischen Art führt Las Casas in diesem Zusammenhang an, dass die Spanier ihrer geliebten und angebeteten Göttin Habgier pro Jahr mehr Menschen opferten als die Indianer ihren Gottheiten in 100 Jahren. Darum enthalte der Krieg gegen die indianische Bevölkerung, resultierend aus der Nichtbeachtung des Proportionalitäts- und Diskriminationsgrundsatzes, permanent Rechtsverletzungen, so dass dieser Krieg keinesfalls in der geschuldeten Weise des debitus modus geführt werde.

In Wirklichkeit waren die Menschenopfer kein geringes humanitäres Problem im präkolumbianischen Amerika. Von den Moche, einer präinkaischen andinen Kultur auf dem Gebiet des heutigen Peru, ist bekannt, dass regelmäßig rituelle Kämpfe veranstaltet wurden, deren Verlierer den Göttern geopfert wurden. Kriegsgefangene wurden zu Hunderten von Bergen, die den Moche als „heilig“ galten, gestürzt, um einen ins Tal abfließenden Strom aus Blut zu erzeugen – Sinnbild für den Segen des göttlichen Berges, der auf die im Tal lebenden Menschen herabkommen möge. Kriege wurden nicht zuletzt aus diesem Grund geführt: um genug „Personal“ für das Blutopfer zu haben. Auch brutale Körperstrafen für Angehörige des eigenen Volkes waren an der Tagesordnung. Viele dieser Riten und Sitten übernahmen die Inka in den letzten Jahrzehnten der präkolumbianischen Phase. Mit all dem war Schluss nach der spanischen Eroberung Perus (1532). Wie viele Menschen genau diesen blutigen Sitten zum Opfer gefallen sind, wissen wir nicht – es werden Jahr für Jahr mehr gewesen sein als 50 (Las Casas) und weniger als 20.000 (Sepúlveda). Von einigen hundert Opfern pro Jahr muss man wohl ausgehen.

Zur intentio recta (rechte Absicht) der Krone äußert Las Casas sich diplomatischerweise nicht, zumal nach all dem Gesagten eine Autorisierung zur Kriegführung gar nicht vorliegt. Seine Kritik an der Eroberungspolitik in den Kolonien gipfelt jedoch in der Bloßstellung der eigentlichen intentio der Conquistadores, die eben keine recta sei, sondern sich mit zwei Worten beschreiben ließe: Goldgier und Geltungssucht.

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Literatur

K. Ipsen: Völkerrecht. München 1990.

B. d. Las Casas: Apología. In: Ders.: Obras completas, hrsg. von P. Casteñeda Delgado, Bd. 9. Madrid 1988.

B. d. Las Casas: Sozialethische und staatsrechtliche Schriften. In: Deutsche Werkauswahl, Bd. 3.1, hrsg. von M. Delgado. Paderborn 1996.

H. Pauer-Studer: Ethik des gerechten Krieges. In: K.-P. Liesmann (Hrsg.): Der Vater aller Dinge. Nachdenken über den Krieg. Wien 2001.

J. G. de Sepúlveda: Democrates segundo o de las justas causas de la guerra contra los indios, hrsg. v. A. Losada. Madrid 1951.

Thomas v. Aquin: Summa Theologica. Deutsche Thomas-Ausgabe. Vollständige, ungekürzte deutsch-lateinische Ausgabe der Summa theologica. Übers. u. komm. v. Dominikanern u. Benediktinern Deutschlands u. Österreichs. 37 Bde. u. 2 Erg.bde., hrsg. v. d. Albertus-Magnus-Akademie Walberberg b. Köln. Salzburg / Heidelberg / Graz u. a. 1933ff.

F. d. Vitoria: De Indis recenter inventis et de iure belli hispanorum in barbaros. Relectiones (Vorlesungen über die kürzlich entdeckten Inder und das Recht der Spanier zum Krieg gegen die Barbaren). Tübingen 1952.

F. d. Vitoria: De Iure Belli, hrsg. v. L. Pereña. Madrid 1981.

(Josef Bordat)